Der Blick ...

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Warum?
Das habe ich mich schon immer gefragt bei der Betrachtung dieser Skulptur.
Warum schaut Jesus den Thomas nicht an? Warum erwidert er nicht seinen Blick, schaut ihm nicht direkt ins Gesicht, sondern offensichtlich an ihm vorbei??
Je länger ich hinschaue, fehlt mir in der Darstellung und Bezogenheit der beiden Figuren im Angesicht Jesu der Ausdruck des Erbarmens und die Haltung einer Zugewandtheit, die mit dem suchenden, fragenden, ungläubigen Blick des Thomas korrespondiert?
Ja, warum schaut dieser Jesus an Thomas vorbei – und wohin schaut er? Mit diesem merkwürdigen, scheinbar entrückten, schwer zu deutenden Gesichtsausdruck?
Es kommt mir unstimmig vor. Etwas, das ich mir in der Darstellung anders wünschte. Es befremdet mich – und raubt dem Zueinander der beiden das Tröstliche und Erbarmende. Ja, Jesus selbst kommt mir fern und fremd vor – als der Auferstandene, der sich nach-österlich seinen Jüngerinnen und Jüngern zeigt, aber der doch gerade – so die Erzählung in Johannes 20,24 ff. - dem zweifelnden Thomas mit einer Extra-Zuwendung begegnet.
Wenn ich dieser Betrachtung und Irritation weiter nachgehe, kommt mir in den Sinn, dass die Skulptur ja nicht die Dynamik eines Geschehens wiedergibt, nicht den ganzen Verlauf der Begegnung zwischen Thomas und dem Auferstandenen, sondern auf statische Weise nur einen Moment, einen Augenblick. Und das, was mir fehlt, ist in diesem Moment und in diesem Augenblick nicht gegeben.
Stattdessen stelle ich mir vor, dass in einer bewegenden Wiederbegegnung der hier dargestellte Jesus zunächst ganz anders – nämlich liebevoll, erbarmend, verstehend, tröstend – dem Thomas in den Minuten zuvor begegnet. Nicht mit Widerwillen, sondern einladend lässt er sich ja von ihm berühren. Verständnisvoll bekommt der Zweifler Jesu Zugewandtheit geschenkt, in der biblischen Erzählung sogar noch handfest in der Berührung mit seinen Wundmalen.
Aber dann im weiteren Geschehen und in der weiteren Dynamik dieser Begegnung kommt es zu dieser Momentaufnahme, in der Jesus den Blick von Thomas – der ihn immer noch anschaut – abwendet und woanders hin schaut.
Thomas erlebt, dass Jesus ihn hält, berührt, umfasst. Er erfährt, dass er es tatsächlich mit dem Auferstandenen zu tun hat. Dass das Unbegreifliche tatsächlich für ihn greifbar wird.
Aber dieser Jesus wendet dann seinen Blick noch einmal woanders hin. Dabei steht er nicht da wie ein strahlender, siegreicher Held. Sein Blick und Gesichtsausdruck ist eher ernst, müde, vielleicht (so kommt es mir vor) betrübt und sogar traurig.
Was sieht er? Was hat er im Blick?
Kritiker dieser Darstellung haben bemängelt, dass der Auferstandene dem Zweifler Thomas nicht triumphierend, göttlich und strahlend begegnet. Im Gegenteil: Beide Figuren haben in ihrer Gestalt, ihrer Größe, ihren Gesichtern eine verblüffende Ähnlichkeit. Sie sind gleich groß, ihre Gewänder ähneln sich.Und wie sie einander ergreifen, umfassen, festhalten, drückt eine Verbundenheit aus, in der nicht Triumph und Überlegenheit auf Schwäche und Zweifel trifft, sondern in der – auch ohne direkten Blickkontakt – etwas gemeinsam Geteiltes zum Ausdruck kommt.
Barlach selbst war ein Suchender. Kein Glaubens-Verkündiger, kein missionarisch Gesinnter. Und seine Skulptur, die von ihm den Titel das „Wiedersehen“ bekommen hat, berührt wohl vor allem auf der emotionalen Ebene, gerade weil der Auferstandene nicht göttlich-strahlend, sondern dem Erschütterten, Schwachen, Ungläubigen mensch-nah begegnet.
Thomas, so heißt der Jünger, der sich am schwersten tat, die Osterbotschaft zu glauben und anzunehmen. Während die Anderen schon überzeugt sind, bleibt er im Zweifel. Vielleicht hat er sich gewünscht, inmitten seiner bereits österlich überzeugten Mitstreiter, auch so glaubend, so gewiss, so überzeugt sein zu können – und in den Chor einzustimmen: „Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Aber er kann es nicht, noch nicht.
Thomas, dieser Name, heißt übersetzt „Zwilling“. Und so wie dieser Barlach'sche Jesus den wankenden, schwachen Thomas hält und stützt, heißt eine Botschaft dieser Darstellung für mich auch: In unserer eigenen menschlichen Schwachheit ist Christus uns nahe – ist er uns ein Gegenüber und ein „Zwilling“.Und da wo ich mit mir selbst manchmal nicht eins bin, Gespaltenheit und Zwistigkeit in mir selbst erlebe, wo Unglaube und Unglaube mit mir im Streit liegen (so wie Zwillinge eins und uneins sein können) – da ist mir der Barlachsche Christus ein Gegenüber, mit dem ich etwas anfangen kann. Ich, der ich mit Thomas den Vornamen teile. Und mich nicht nur in der Namensgebung in ihm wiederfinde ...
Doch was ist mit dem Blick? Er geht über Thomas hinaus. Wohin?
Je nachdem aus welcher Perspektive man die Skulptur betrachtet, schaut sie auch uns an und nimmt uns in den Blick, wenn wir hinter Thomas stehen und über seiner Schulter das Gesicht Jesu sehen.
Vielleicht aber kann man diesen Blick auch so deuten, dass er bereits – über alles Irdische hinaus, über alle irdische Daseinsverhaftung und Erdenschwere hinweg – eine Erfüllung, eine Ewigkeit und Seligkeit sieht, uns voraus, die wir noch nicht sehen, noch nicht sehen können. Wenn das so ist, dann bekommt dieser abschweifende, in eine Weite und Tiefe göttlicher Wirklichkeit gehende Blick des Auferstandenen auch etwas Tröstliches, etwas Aufrichtendes, etwas woran wir uns halten und klammern können.
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In einem seiner Songs auf dem Album „Infidels“ mit dem Titel „Every Grain of Sand“ reflektiert Bob Dylan das menschliche Dasein in dieser Welt, das menschliche Leben, das manchmal so erfüllt und manchmal so schwer, leidvoll und uneindeutig sein kann, und er singt die Zeile: „I am hanging in the balance of the reality of man“ - übersetzt: „Ich entkomme nicht der Ambivalenz unseres menschlichen Lebens“. Das heißt: Ich kann viele Rätsel des Lebens nicht lösen, das Dasein nicht ergründen, den Sinn und das Ziel nicht finden.“
Doch gibt es etwas, was darüber hinaus auf uns wartet und was uns schon jetzt und hier, gerade in unseren Dunkelheiten und Beschwernissen, trägt und umfängt? Einen „Glanz der Ewigkeit“, ein „Licht am Ende des Tunnels“, eine für uns noch jenseitige, über-weltliche Dimension über den Tod hinaus - von der selbst der Skeptiker und Pessimist Schopenhauer in seinem Nachlass schrieb, dass wir letztendlich doch „in einem Lichte stehen, von dem die Sonne nur ein Schatten ist.“
Wenn ich im Aus-Blick des Barlach'schen Jesus dieses Licht auch sehen kann, dann will und darf ich mich, ja, dann dürfen wir uns daran festhalten, wie der schwache Thomas sich klammert und festhält an dem, den wir den Christus nennen. Dann wird sein Blick nicht zur Irritation, sondern zum Trost und zur Verheißung.
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Doch Vorsicht – und ein letzter Gedanke, damit die Betrachtung nicht zu pastoral-gefällig und ungebrochen endet:
Denn der Blick Jesu, wenn er denn schon ins Transzendente und Tröstliche geht, ist nicht gepaart mit einem verzückten Lächeln. Im Gegenteil – ernst, müde, erschöpft sind die Züge seines Mundes. Weit entfernt auch hier von einem über-weltlichen Glanz und Strahlen.
Nicht mit erhobenem Haupt steht er da. Eher so, als wäre der Weg noch nicht zu Ende. Im Wissen, dass die Welt für uns noch unerlöst bleibt. Dass viele Kreuze in dieser Welt noch zum Himmel schreien. Und dass das endgültige Heil noch nicht vollendet ist.
Deshalb gibt es mit diesem Jesus, wir Barlach ihn darstellt, keinen billigen Trost. Kein Halleluja-Christentum, das sich schon jetzt in die Blase und Echo-Kammer himmlischer Seligkeit flüchtet. Kein froh-gewisses Wohlstands-Evangelium, das die Welt längst hinter sich zu haben meint.
Gut so, sage ich.
Und fühle mich bei der Betrachtung diesem Jesus näher als manch anderer himmlisch strahlender Christus-Darstellung.
Die irgendwo „da oben“ verortet ist.
Wo ich ihn nicht mehr greifen, berühren und anfassen kann.
Und er mich auch nicht.
O Komm Du Geist der Wahrheit ...
Meine Gedanken zum diesjährigen Pfingstfest 2026

Zunächst: Die Welt, in der wir leben, und das derzeitige Weltgetriebe, all die Zerstörung, Gewalt und Unvernunft, setzt uns allen wohl sehr zu und was derzeitig passiert, „schreit zum Himmel“. Und über alle Grenzen und Gräben hinweg, brauchen wir Menschen einander in unserer globalisierten Welt mehr und mehr - zum Guten, um nicht in Verzweiflung, Resignation und Zynismus zu verfallen.
Lasst es uns suchen, immer und immer wieder! Das Verbindende tut not und das darin liegende Verheißungsvolle suchen und ersehnen wir – in einer Weltentwicklung, in der das Trennende, das Gegeneinander und zerstörerische Konfrontationen immer mehr an Fahrt gewinnt – politisch, gesellschaftlich, kulturell und konfessionell.
In all das hinein hören wir auch in diesem Jahr wieder die Pfingstgeschichte von der Ausgießung des Heiligen Geistes auf die Nachfolger Jesu, damals in Jerusalem, und vom Wirken dieses Geistes, der auf sie kommt und sie erfüllt. Und es bleibt die Frage, damals wie heute: Wie können wir den Heiligen Geist verstehen? Was ist er? Was ist gemeint, wenn von seinem Wirken die Rede ist?
Es gibt, um auch dies vorweg zu sagen, ein meiner Meinung nach viel zu beschränktes Verstehen der Pfingstgeschichte, wenn man das Kommen und Wirken des Geistes begrenzt auf die Kirche und ihre Entstehung, so sehr uns die Geschichte von Pfingsten erst einmal biblisch begegnet und sich neutestamentlich verortet. Oder anders ausgedrückt: Der Geist, der sich zum Pfingsten offenbart, gehört nicht den Christen, gehört nicht der Kirche, lässt sich nicht begrenzen und einfangen und reduzieren auf den Radius des Christentums und auf die christliche Konfession. Der Geist Gottes gehört nicht einer beschränkten Gruppe von Menschen, einer Religion, einer Glaubensgemeinschaft.
Um das besser zu verstehen, ist es mMn nötig und durch und durch biblisch, die Frage nach dem Geist Gottes nicht mit Pfingsten beginnen zu lassen, sondern mit dem Anfang anzufangen, denn der Geist Gottes hatte nicht zu Pfingsten seinen „ersten großen Auftritt“! Vielmehr ist der Geist Gottes „der Atem Gottes“ (hebr. Ruach), der alles belebt, ins Leben ruft, erhält. Es ist der Geist, der „am Anfang“ (wie uns in der Genesis erzählt wird) alles Leben hervor bringt, das Chaos („Tohuwabohu“) ordnet und formt. Es ist Gottes Präsenz und Immanenz in allem, was lebt, die göttliche Wirk-lichkeit, die sich ununterbrochen zeigt im Guten und Schönen, im Verbindung und Wachstum, in Harmonie und Lebens-Entfaltung zeigt – und all dies nährt.
In diesem Sinne ist der Geist Gottes in der Welt und im Leben präsent, wirkend und vorhanden. Er ist da. Er kam und er kommt - immer wieder neu und beständig. Aber das Kommen des Geistes, des Heiligen Geistes, welches der Geist Gottes ist (und kein anderer oder zusätzlich oder vorher nicht vorhandener) wird reduziert und begrenzt, wenn wir ihn nur „christlich“ verstehen, domestizieren und für Kirche und Christentum okkupieren.
Wie der Wind, weht Gottes Geist, wo er will. Und Du kannst, im Bild gesprochen, nicht eine „handvoll Wind“ greifen, festhalten und begrenzen. Er ist wie Feuer, der – und gerade das wird an der Pfingstgeschichte anschaulich - grenzübergreifend, Gräben überbrückend, Mauern überspringend be-geistert. Ein Feuer, dass verbrennt, was trennt. Ein Feuer, in dem nicht weiter Bestand hat, was zuvor als unüberwindbar galt.
Doch – stop! - was ist mit Jesus, mit seiner Person, seinem Wirken?
Ist es nicht der Geist, der Jesus groß macht?
Der das erettende Evangelium in die Köpfen und Herzen bringt?
Ist Pfingsten nicht doch der „Geburtstag der Kirche“?
Ja, der Geist Gottes, der zu Pfingsten über seine Anhänger, Freunde und Freundinnen, seine Nachfolger kommt und ansteckend erscheint, ist der Geist Jesu, den er selbst zuvor verheißen hat. Aber dieser Geist ist eben kein „Sondergeist“, kein eigenes Gebilde oder Gewächs, keine neue Erscheinung – sondern eben der Lebensgeist, der (biblisch gesprochen) von Beginn der Schöpfung an in der Welt ist, Gottes Geist, die göttliche Lebens Energie in allem, was Leben erhält, fördert, heilt, wachsen lässt und verbindet.
Zu Pfingsten, um den biblischen und neutestamentlichen Faden aufzugreifen, begegnen uns die Anhänger und Nachfolger Jesu empfänglich, offen und bereit für diesen Geist-Empfang – vorbereitet durch Jesus selbst, der Träger und Offenbarer dieses Geistes war. Sie wurden, nach allem, was sie zuvor zweifeln, leiden, verwirrt und frustriert sein ließ, von diesem Geist neu erfüllt. Ihnen wuchs Kraft und Autorität und Wirksamkeit zu, durch diesen Geist.
Aber sie wurden nicht dazu berufen, nun eine eigene Religion und Kirche, gar ein Christentum, in die Welt zu setzen. Sie wurden nicht dazu berufen, einen exklusiven Club der Gläubigen zu inszenieren. Und sie bekamen nicht die Vollmacht, Grenzen zu setzen und wiederum Mauern zu errichten.
Dies wird doch eindrücklich auch von Petrus in seiner Pfingstpredigt so benannt, wenn er den Propheten Joel zitiert: „Und es wird geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da werde ich ausgießen von meinem Geist auf ALLES Fleisch, und eure Söhne und Töchter werden weissagen, und eure jungen Männer werden Gesichte sehen und eure Ältesten werden Träume haben, ja auch über meine Knechte und Mägde werde ich in jenen Tagen meinen Geist ausgießen ...“ (Acta 2, 17f.).
Nichts anderes bedeutet dies, als dass der Geist Gottes nicht nur auf eine Gruppe von Auserwählten kommt und zu ihrem trennenden Merkmal wird, sondern dass der Geist Gottes in seinem Wirken radikal „inklusiv“ ist und Barrieren niederreißt. Männer und Frauen, Alte und Junge, auch keine hierarchische, soziale Trennung mehr zu Knechten und Mägden. Gottes Geist erscheint noch einmal mit Macht und erfasst und ergreift, auf ansteckende Weise, die Freunde Jesu. Und die, die mit ihren verschiedenen Sprachen, unterschiedlichen Beheimatungen und Verwurzelungen und den daraus resultierenden Trennungen, plötzlich verständig und verbunden werden – durch eben diesen Geist Gottes, der der Geist Jesu ist und bleibt.
Petrus, der die Pfingstpredigt hält, erlebte ja selbst diesen Prozess der verbindenden Grenzüberschreitungen durch Gottes Geist: War er zunächst der Überzeugung, dass die Sache mit Jesus und seiner Mission eine rein jüdische Angelegenheit ist, so erkannte er in einem visionären Erleben (Acta 10), dass das Evangelium von der Liebe Gottes, wie sie sich in Jesus offenbart hat, global und all-umfassend für alle Menschen und die ganze Welt gilt.
Wenn wir also die Pfingstgeschichte in diesem Jahr 2026 und in unserer Welt, die das Glauben, Hoffen & Lieben so anfrisst und infrage stellt, wieder hören, dann widerspricht sie allen derzeit so um sich greifenden Ideologien und Kräften, seien sie säkular, weltlich oder religiös und konfessionell, die das Verbindende und Heilende infrage stellen. Und sie beruft uns als Christen und als Kirche in der Welt, so mein Eingangsgedanke, zu sehen, wie sehr wir Menschen einander brauchen – um gemeinsam der Resignation, dem Fatalismus und auch dem Zynismus zu widerstehen.
Der Geist Gottes steht dafür – er trennt nicht, sondern er verbindet.
Er ist nicht christliches Eigentum – sondern er ruft uns als Christen zu einer Empfänglichkeit und Offenheit, wie sie die Jünger, 50 Tage nach dem Ostermysterium der Auferweckung Jesu, hatten