O Komm Du Geist der Wahrheit ... 

Meine Gedanken zum diesjährigen Pfingstfest 2026

Zunächst: Die Welt, in der wir leben, und das derzeitige Weltgetriebe, all die Zerstörung, Gewalt und Unvernunft, setzt uns allen wohl sehr zu und was derzeitig passiert, „schreit zum Himmel“. Und über alle Grenzen und Gräben hinweg, brauchen wir Menschen einander in unserer globalisierten Welt mehr und mehr - zum Guten, um nicht in Verzweiflung, Resignation und Zynismus zu verfallen.

Lasst es uns suchen, immer und immer wieder! Das Verbindende tut not und das darin liegende Verheißungsvolle suchen und ersehnen wir – in einer Weltentwicklung, in der das Trennende, das Gegeneinander und zerstörerische Konfrontationen immer mehr an Fahrt gewinnt – politisch, gesellschaftlich, kulturell und konfessionell.

In all das hinein hören wir auch in diesem Jahr wieder die Pfingstgeschichte von der Ausgießung des Heiligen Geistes auf die Nachfolger Jesu, damals in Jerusalem, und vom Wirken dieses Geistes, der auf sie kommt und sie erfüllt. Und es bleibt die Frage, damals wie heute: Wie können wir den Heiligen Geist verstehen? Was ist er? Was ist gemeint, wenn von seinem Wirken die Rede ist?

Es gibt, um auch dies vorweg zu sagen, ein meiner Meinung nach viel zu beschränktes Verstehen der Pfingstgeschichte, wenn man das Kommen und Wirken des Geistes begrenzt auf die Kirche und ihre Entstehung, so sehr uns die Geschichte von Pfingsten erst einmal biblisch begegnet und sich neutestamentlich verortet. Oder anders ausgedrückt: Der Geist, der sich zum Pfingsten offenbart, gehört nicht den Christen, gehört nicht der Kirche, lässt sich nicht begrenzen und einfangen und reduzieren auf den Radius des Christentums und auf die christliche Konfession. Der Geist Gottes gehört nicht einer beschränkten Gruppe von Menschen, einer Religion, einer Glaubensgemeinschaft.

#Um das besser zu verstehen, ist es mMn nötig und durch und durch biblisch, die Frage nach dem Geist Gottes nicht mit Pfingsten zu beginnen zu lassen, sondern mit dem Anfang anzufangen, denn der Geist Gottes hatte nicht zu Pfingsten seinen „ersten großen Auftritt“! Vielmehr ist der Geist Gottes „der Atem Gottes“ (hebr. Ruach), der alles belebt, ins Leben ruft, erhält. Es ist der Geist, der „am Anfang“ (wie uns in der Genesis erzählt wird) alles Leben hervor bringt, das Chaos („Tohuwabohu“) ordnet und formt. Es ist Gottes Präsenz und Immanenz in allem, was lebt, die göttliche Wirk-lichkeit, die sich ununterbrochen zeigt im Guten und Schönen, im Verbindung und Wachstum, in Harmonie und Lebens-Entfaltung zeigt – und all dies nährt.

In diesem Sinne ist der Geist Gottes in der Welt und im Leben präsent, wirkend und vorhanden. Er ist da. Er kam und er kommt - immer wieder neu und beständig. Aber das Kommen des Geistes, des Heiligen Geistes, welches der Geist Gottes ist (und kein anderer oder zusätzlich oder vorher nicht vorhandener) wird reduziert und begrenzt, wenn wir ihn nur „christlich“ verstehen, domestizieren und für Kirche und Christentum okkupieren.

Wie der Wind, weht Gottes Geist, wo er will. Und Du kannst, im Bild gesprochen, nicht eine „handvoll Wind“ greifen, festhalten und begrenzen. Er ist wie Feuer, der – und gerade das wird an der Pfingstgeschichte anschaulich - grenzübergreifend, Gräben überbrückend, Mauern überspringend be-geistert. Ein Feuer, dass verbrennt, was trennt. Ein Feuer, in dem nicht weiter Bestand hat, was zuvor als unüberwindbar galt.

Doch – stop! - was ist mit Jesus, mit seiner Person, seinem Wirken?

Ist es nicht der Geist, der Jesus groß macht?

Der das erettende Evangelium in die Köpfen und Herzen bringt?

Ist Pfingsten nicht doch der „Geburtstag der Kirche“?

Ja, der Geist Gottes, der zu Pfingsten über seine Anhänger, Freunde und Freundinnen, seine Nachfolger kommt und ansteckend erscheint, ist der Geist Jesu, den er selbst zuvor verheißen hat. Aber dieser Geist ist eben kein „Sondergeist“, kein eigenes Gebilde oder Gewächs, keine neue Erscheinung – sondern eben der Lebensgeist, der (biblisch gesprochen) von Beginn der Schöpfung an in der Welt ist, Gottes Geist, die göttliche Lebens Energie in allem, was Leben erhält, fördert, heilt, wachsen lässt und verbindet.

Zu Pfingsten, um den biblischen und neutestamentlichen Faden aufzugreifen, begegnen uns die Anhänger und Nachfolger Jesu empfänglich, offen und bereit für diesen Geist-Empfang – vorbereitet durch Jesus selbst, der Träger und Offenbarer dieses Geistes war. Sie wurden, nach allem, was sie zuvor zweifeln, leiden, verwirrt und frustriert sein ließ, von diesem Geist neu erfüllt. Ihnen wuchs Kraft und Autorität und Wirksamkeit zu, durch diesen Geist.

Aber sie wurden nicht dazu berufen, nun eine eigene Religion und Kirche, gar ein Christentum, in die Welt zu setzen. Sie wurden nicht dazu berufen, einen exklusiven Club der Gläubigen zu inszenieren. Und sie bekamen nicht die Vollmacht, Grenzen zu setzen und wiederum Mauern zu errichten.

Dies wird doch eindrücklich auch von Petrus in seiner Pfingstpredigt so benannt, wenn er den Propheten Joel zitiert: „Und es wird geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da werde ich ausgießen von meinem Geist auf ALLES Fleisch, und eure Söhne und Töchter werden weissagen, und eure jungen Männer werden Gesichte sehen und eure Ältesten werden Träume haben, ja auch über meine Knechte und Mägde werde ich in jenen Tagen meinen Geist ausgießen ...“ (Acta 2, 17f.).

Nichts anderes bedeutet dies, als dass der Geist Gottes nicht nur auf eine Gruppe von Auserwählten kommt und zu ihrem trennenden Merkmal wird, sondern dass der Geist Gottes in seinem Wirken radikal „inklusiv“ ist und Barrieren niederreißt. Männer und Frauen, Alte und Junge, auch keine hierarchische, soziale Trennung mehr zu Knechten und Mägden. Gottes Geist erscheint noch einmal mit Macht und erfasst und ergreift, auf ansteckende Weise, die Freunde Jesu. Und die, die mit ihren verschiedenen Sprachen, unterschiedlichen Beheimatungen und Verwurzelungen und den daraus resultierenden Trennungen, plötzlich verständig und verbunden werden – durch eben diesen Geist Gottes, der der Geist Jesu ist und bleibt.

Petrus, der die Pfingstpredigt hält, erlebte ja selbst diesen Prozess der verbindenden Grenzüberschreitungen durch Gottes Geist: War er zunächst der Überzeugung, dass die Sache mit Jesus und seiner Mission eine rein jüdische Angelegenheit ist, so erkannte er in einem visionären Erleben (Acta 10), dass das Evangelium von der Liebe Gottes, wie sie sich in Jesus offenbart hat, global und all-umfassend für alle Menschen und die ganze Welt gilt.

Wenn wir also die Pfingstgeschichte in diesem Jahr 2026 und in unserer Welt, die das Glauben, Hoffen & Lieben so anfrisst und infrage stellt, wieder hören, dann widerspricht sie allen derzeit so um sich greifenden Ideologien und Kräften, seien sie säkular, weltlich oder religiös und konfessionell, die das Verbindende und Heilende infrage stellen. Und sie beruft uns als Christen und als Kirche in der Welt, so mein Eingangsgedanke, zu sehen, wie sehr wir Menschen einander brauchen – um gemeinsam der Resignation, dem Fatalismus und auch dem Zynismus zu widerstehen.

Der Geist Gottes steht dafür – er trennt nicht, sondern er verbindet.

Er ist nicht christliches Eigentum – sondern er ruft uns als Christen zu einer Empfänglichkeit und Offenheit, wie sie die Jünger, 50 Tage nach dem Ostermysterium der Auferweckung Jesu, hatten

 

 

 


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