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AM MORGEN UM FÜNF

Als er plötzlich erwachte und aus dem Schlaf hochfuhr, wusste er augenblicklich nicht, was ihn geweckt hatte.

Es war alles still in der Wohnung.

Kein Geräusch, keine Irritation.

In seinem Kopf war auch nichts, was ihm gedanklich zufiel.

Eher beiläufig schaute er nur kurz auf die Uhr neben seinem Bett.

Es war genau fünf Uhr.

Zu früh also, um schon wach zu bleiben, aufzustehen, den Tag zu beginnen.

So drehte er sich rum, tauchte nocheinmal ein in sein Kissen und unter die Decke und in den Schlaf, der sich auch schnell wieder einstellte und ihn überkam.

 

Erst um viertel nach Acht erwachte er wieder.

Es war ein Samstagmorgen, Frühsommer, und die Sonne blinzelte schon durch die Vorhänge am Fenster.

Er reckte sich, blieb noch zwei Minuten im Bett, nichts Besonderes ging ihm durch den Kopf, kein Traum hing ihm nach, kein Gedanke klinkte sich bei ihm ein.

Nichts Besonderes also, bevor er aufstand, und in die Küche ging.

Er bediente die Kaffeemaschine, füllte sie mit Wasser, die Filtertüte mit zwei Löffeln, drückte auf den Einschaltknopf.

Während er noch etwas verschlafen aus dem Fenster schaute, hinaus auf den Hof und auf den Parkplatz, von oben herab aus seiner Dachwohnung, hörte er das leise Brockeln und Brodeln der Kaffeemaschine.

Und das Ticken der Küchenuhr.

Ansonsten war alles still im Haus.

Und auch auf der Straße fuhr gerade ein einziges Auto vorbei, nachdem die Ampel auf Grün gesprungen war.

 

Samstagmorgen also, alles ruhig, nichts was hindeutete auf irgendeine Besonderheit, die diesem Tag eine besondere Färbung geben konnte.

Er ging ins Badezimmer, duschte, putzte sich die Zähne, zog sich an.

Noch immer gab es nichts, was in irgendeiner Weise seine Gedanken, seinen Kopf, sein Erleben in Besitz nahm.

Dann zog er sich Schuhe an, die Jacke über, nahm den Wohnnungsschlüssel und machte sich auf den Weg, um Brötchen zu holen, wie fast jeden Samstagmorgen.

 

Er ging im Flur die Treppen hinunter.

Und auf dem letzten Zwischenflur, schon fast unten angekommen, sah er die Nachbarin.

Zusammen mit ihrem Mann, wohnte die beiden als Hausmeister- Ehepaar des Gemeindehauses, auf der gegenüberliegenden Flurseite.

Sie war gerade auf dem Weg in die Küche zum grossen Saal.

Ihre Augen waren tränenfeucht, ihr Blick trauernd.

Und schon nach dem ersten Blickkontakt, sagte sie:

Er ist gestorben, nun doch, so plötzlich!“

 

Die letzten zwei Wochen war ihr Mann aus dem Krankenhaus nocheinmal nach Hause gekommen.

Schwach, körperlich gezeichnet.

Auf sein Ende zugehend, aber ohne Prognose, wann und wie und zu welcher Stunde der Tod nun kommen würde.

 

Wann ist er denn gestorben?“ fragte er mitfühlend, nachdem er sie tröstend in den Arm genommen hatte.

Und die Nachbarin antwortete: „Heute morgen, um kurz vor fünf!“

 

In diesem Augenblick fuhr kein Blitz dazwischen, öffnete sich weder der Himmel noch die Erde, passierte auch sonst nichts weiter, weder im Haus noch draußen auf der Straße.

Aber schlagartig, blitzartig, Himmel und Erde irgendwie zusammenbringend, hatte er vor Augen, was er da – um exakt kurz vor Fünf – erlebt hatte, und was ihn geweckt hatte.

Es war kein Traum gewesen, aber ein Traumgesicht.

Besser noch. Ein Gefühl höchster Intensität, eine Berührung, ein Berührtwerden.

Exakt in diesen Minuten, bevor er wach wurde und nicht wusste warum, hatte er sein Gesicht berührt.

War ihm nahe gewesen.

An seinem Bett.

Über sein Gesicht gebeugt, sein Gesicht vor Augen.

Und hatte ihm, wie man es bei Toten macht, die Hand auf die Augen gelegt und mit einer zärtlichen Bewegung seine Augenlider geschlossen.

 

Genau das.

An diesem Samstag in der Früh.

Am Morgen um Fünf.

Nebenan, in der Wohnung auf dem gegenüberliegenden Flur.

 

 

 


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