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JEREMIA 17,14    Heilung im Gegenüber   (aktuelle Predigt / Oktober 2020)

 

 

 

Der vielleicht meistgehörte Satz in diesen Wochen und Monaten lautet wohl:
„Bleiben Sie gesund!“ Wir sagen es Anderen, wir hören es von Anderen – in all
den Sorgen, Ängsten, Unsicherheiten dieser Corona-Zeit.
Gesundheit an Leib und Seele – das wünschen wir uns und Anderen.
Und wünschen uns nichts sehnlicher als Gesundung und Heilung, wenn wir
krank sind und es uns nicht gut geht …


Ich lese den Predigt- und Wochenspruch für heute aus den Klagen des
Propheten Jeremia: „Heile Du mich, Herr, so werde ich heil! Hilf Du mir, so ist
mir geholfen!“ (Jeremia 17,14)


Die Bitte um Heilung steht hier im Zusammenhang mit dem Leben und der
Berufung des Propheten Jeremia.
Martin Luther schreibt von ihm: „Er ist ein elender, betrübter Prophet gewesen,
zu jämmerlichen bösen Zeiten gelebt, dazu ein trefflich schwer Predigtamt
geführet, als der über vierzig Jahre bis zum Gefängnis hat mit bösen
halsstarrigen Leuten schelten müssen, mit wenig Nutzen, sondern hat zusehen
müssen, dass sie je länger ärger wurden und immer ihn töten wollten und ihm
viel Plage anlegten.“
Dazu war Jeremia wohl eine sensible Seele, die immer wieder mit Schüben der
Verzweiflung gerungen hat – und Luther mag sich bei seinen Sätzen über
Jeremia wohl selbst wiedergefunden haben.
Aber nicht nicht über Corona, nicht über Jeremia und Luther will ich heute
morgen predigen, sondern über die Bitte um Heilung, die der Prophet an seinen
Gott richtet:„Heile Du mich, Herr, so werde ich heil! Hilf Du mir, so ist mir
geholfen!“
….


Die beiden Begriffe, die hier eng beieinander liegen, lauten „Heil“ und
„Heilung“.
„Heil“ mögen wir assoziieren im Sinne von Seligkeit, Erlösung, Gnade, im
Zustand der Errettung sein und religiös verstanden.
„Heilung“ im ganz irdischen Sinne als Gesundung und Gesundwerden, ganz
physisch-körperlich.


Oft und leicht fallen beide Begriffe auseinander.
Zum einen das Religiöse, auch Überirdische & Transzendente im Sinne von
„Seelenheil“, „Heilsgewissheit“, „Heiligkeit“ und „Heiliger Geist“ …
Zum Anderen das ganz irdische, leibliche Befinden, das den Kranken hoffen
lässt, dass Schmerzen aufhören, Organe heilen, man wieder aus dem
Krankenhaus als geheilt entlassen wird.


Und so hat es sich in unserer Welt neuzeitlich ja auch erstmal häufig
auseinanderdividiert:
Denn da gibt es die Zuständigkeit und Erwartung an Ärzte, an den medizinischtechnischen
Fortschritt und medikamentöse Behandlung einerseits.
Und andererseits, eher fragwürdig für Viele, verzichtbar, nicht
lebensnotwendig, vielleicht sogar schädlich, das weite Feld von Religion,
Glaube & Gott …
Der Gang zum Arzt jedenfalls, wenn nötig, liegt näher als der Kirchgang.
Und der weisse Kittel, der vor mir steht, mit Stetoskop um den Hals, hat mehr
Bedeutung als ein schwarzer Talar mit Bäffchen oder ein buntes
Priestergewand.


Daneben oder dazwischen allerdings steht dann die „Couch“ – und damit meine
ich, im Bild von Psychoanalyse und Psychotherapie gesprochen: Das vielfältige
Heilungsbemühen um die menschliche Seele, die Psyche, das Innen- und
Gefühlsleben – und das Wissen um den tiefen Zusammenhang von Körper,
Seele & Geist.


Im Hebräischen Denken & Glauben jedenfalls hat der Mensch nicht nur eine
Seele, er ist Seele – ganz Seele.
Und als eine Einheit – ohne neuzeitliche Trennung und Aufspaltung – sind wir
in unserem Dasein mit Leib & Seele, unserem innerem und äußerem Befinden
vor Gott. Das hebräische Wort „Näfäsch“, das wir mit „Seele“ übersetzen, ist
unser Leben & Atmen, das auch unser Gemüt beinhaltet, den Sitz unserer
positiven und negativen Affekte, der Emotionen und Stimmungen.
Und so betet Jeremia aus der Tiefe seines Inneren und seiner Befindlichkeit um
Heilung und nicht einfach nur um ein äußeres Eingreifen Gottes.
Denn Druck lastet auf ihm, Ängste fressen ihn an.
Und zugleich weiß er wohl, dass er aus seiner Berufung, aus seiner Situation,
aus dem, was ist, nicht raus kann.
Es ist, wie es ist.
Ich wache nicht morgen auf, und alles hat sich geklärt.
Die Bedrängnis hält an, die Umstände bleiben, im Äußeren ändert sich nichts.
„Heile Du mich, Herr, so werde ich heil!“
In all dem, was mir aufgegeben ist und aufgegeben bleibt.
...


Fragen wir uns heute morgen – in dem weiten Bogen des Bibelwortes hin zu
uns – wo wir selbst Heilung brauchen und ersehnen, inneres Heilwerden,
Gesundung und Genesung in den Umständen unseres gegebenen Lebens.
Was macht Sie und mich unruhig, angstbesetzt, depressiv, gereizt und
trübsinnig?
Jeremia sind ja nicht wir - aber wir finden uns u.U wieder mit eigenen
Erfahrungen und Gefühlen der Bedrückung, wenn wir sein Gebet hören: „Heile
mich, Gott, so werde ich heil!“


Vielleicht hilft uns an dieser Stelle der Predigt folgender Gedanke:
Der Dreh- und Angelpunkt unseres alltäglichen Lebens, von Tag zu Tag, von
Augenblick zu Augenblick, von Situation zu Situation, ist ja immer unsere
permanente Verhältnissetzung und unser permanentes Gegenüber zu dem, was
wir gerade und in Folge sehen und wahrnehmen … und das – im Gegenüber zu
uns und in der Verhältnissetzung - ständig etwas in uns auslöst an Gedanken &
Gefühlen.


Das heißt:
• Ich sehe und erlebe mich unmittelbar im Gegenüber zu den Nachrichten,
die ich sehe oder höre – und die gerade etwas mit mir machen ...
• Ich sehe und erlebe mich im Gegenüber zu der Post, die ich gerade öffne
und lese – erfreut, geschockt oder kopfschüttelnd ...
• Ich sehe und erlebe mich im Gegenüber zu den Schmerzen, die immer
noch da sind, wenn ich am Morgen aufwache ...
• zu dem Termin, der übermorgen auf mich wartet, und vor dem ich Angst
habe ...
• zu den auf mich wartenden Aufgaben & Erwartungen , die mich in ihrer
Fülle erdrücken …
• zu den Menschen, mit denen ich nicht klar komme nd die mir zusetzen ...
• zu dem Spiegelbild, in das ich missmutig gucke …
Jeder setze ein, was für ihn passt.
Das mag unter uns gleich oder verschieden sein.
Unser aller Innenleben, unsere Seele, unser Gemüt aber speist sich von Minute
zu Minute immer aus dem, was wir als unmittelbares Gegenüber zu uns sehen,
erleben und wahrnehmen.


Und für die meisen Menschen hört es genau da auf.
Oft und immer wieder ja auch für uns.
Dahinter ist kein weiteres, größeres Gegenüber mehr.
Dahinter gibt es keine andere Verhältnissetzung, die dem Ganzen ein anderes
Licht und einen anderen Rahmen verpassen könnte.


Und so sind und bleiben unsere Gedanken, Gefühle, Stimmungen und
Reaktionsweisen deshalb oft ein Spielball oder eben gefangen & gefesselt von
dem ständigen Wechselspiel mit dem, was mir jetzt und gleich und permanent
das vordergründige, direkte Gegenüber des konkreten Lebens ist.
Im Bild gesprochen:
Wir schauen im Gegenüber nur gebannt und gefesselt auf das augenblickliche
Bühnengeschehen, aber nicht hinter den Vorhang, nicht in das Regiebuch und
nicht auf das, was die Beleuchtung gerade nicht hergibt.
Jeremia – und hier greift unser Wochenspruch und Predigtwort als Evangelium
– hat und kennt aber nun in Allem noch ein weiteres und anderes Gegenüber.
Er kennt und weiß, er sieht und redet an das grössere, göttliche Gegenüber.
Und er setzt sich nicht nur in ein Verhältnis zu dem, was vor Augen ist, sondern
auch zu dem, was sein Herz und seine Seele darüber hinaus sieht als das Grosse
DU.


Und das hat die Kraft, zu heilen.


„Wir beten doch unser Leben!“ ist ein wunderbares Wort von Martin Buber das
ich aus der vergangenen Woche mitbringe.
Und das heißt: Wenn wir genau dies tun - eben unser Leben beten! - dann steht
jeder Augenblick unseres Lebens & Erlebens immer zugleich auch unmittelbar
im Gegenüber zur göttlichen Wirklichkeit, die alles umgreift und trägt, allem
einen letzten Sinn gibt und von der uns Kraft, Mut & Stärke her erwächst.
Dann stehen wir in diesem größeren, erweiternden, korrigierenden und
tragenden Gegenüber – in jeder Situation unseres Lebens!


Wenn Angst – in welcher Form auch immer – hinter allen Jeremia-
Befindlichkeiten steht – dann gilt wohl:
„Die Angst des menschlichen Daseins kann sich nur beruhigen in einem
Göttlichen Gegenüber, einem großen DU, das uns trägt - und in einem daraus
erwachsenden Vertrauen, dass es möglich macht jenseits aller Gefährdungen
und aller Abgründe an eine Güte der Welt zu glauben.“ (nach Eugen
Drewermann)


In diesem Sinne hat der Glaube auch die Kraft, uns durch die kommende Woche
zu tragen.
Durch den Rest dieses Kalenderjahres.
Und auch in alles Weitere hinein.

 


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