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Aktuelle Predigt (24.6.) Unterbarmer Hauptkirche

"WIR" - statt "Wir zuerst"

L.G.

Ich beginne die Predigt heute ohne Umschweife und ohne Einleitung direkt mit dem Predigtwort – nämlich dem Wochenspruch für diesen 4. Sonntag nach Trinitatis.
Er steht in Galater 6,1 und lautet:
Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“

 

Bringt dieses Wort spontan etwas in Ihnen zum Klingen?
Einer trage des Anderen Last“?
Was ist Ihre erste Reaktion darauf?

Bei mir melden sich sofort drei Stimmen.

  • Die erste leistet Widerstand und sagt: „Ach, nee – jetzt bitte am Sonntagmorgen, wo ich selbst manche Last und manche Beschwernis mit in die Kirche bringe, nicht gleich wieder der moralische Appell, für Andere da zu sein, Anderen zu helfen, mich zu kümmern um Andere, nicht nur um mich selbst zu kreisen usw. … Dieser ständige Aufforderung zur Solidarität und zum Helfen trifft bei mir auf eine Müdigkeit und eine gewisse Unlust, mal wieder zu hören, wo ich GEFORDERT bin.“

  • Die zweite Stimme ist verbunden mit einem Grinsen und sagt: „Kennen Sie das auch? Kaum hat man mal von seinen eigenen Sorgen und Lasten mitgeteilt – und schon ist der Andere sofort eingestiegen und hört gar nicht mehr zu und erzählt mir ausführlich und ausschweifend und sehr detailliert von dem, was ihn alles drückt und quält … Ich mit meinen Belastungen komme ganz schnell garnicht mehr vor – und mein Versuch, etwas von meinen Sorgen und meinem Kummer zu erzählen, wird schnell zur Stichwortgabe und zum Sprungbrett für das Klagen & Lamentieren des Anderen.“

  • Die dritte Stimme wird ernst und sagt: „Einer trage des anderen Last? Ich protestiere! Und würde viel lieber mal darüber reden wollen, wo die Grenzen sind und wo man Menschen mal an ihre eigene Selbstverantwortung erinnern muss! - Für was und für wen soll ich, sollen wir, denn eigentlich noch alles verantwortlich sein? Irgendwo ist mal gut und Schluss mit lustig!“

Einige Vorbehalte also, als Erst-Reaktion auf den Satz „Einer trage des anderen Last!“
Abwehr, Bedenken und das Gefühl, über Grenzen reden zu müssen, wenn wir wieder mal ermahnt werden, für Andere etwas zu tun.
Dabei liegt in diesem Wochenspruch, den wir heute morgen hören, ein gutes Stück Evangelium und eine herausfordernde frohe Botschaft – sonst gehörte er nicht auf die Kanzel!
Und, ja, die Einladung zu einer starken und befreienden Erfahrung!

Genaugenommen ist der Vers nämlich - auf den Punkt gebracht - der Gegenentwurf und die Gegenansage zu all dem, wozu unsere Gesellschaft, der Zeitgeist und der Mainstream uns erzieht. Wohin die herrschenden Mächte & Kräfte uns haben wollen.
Zudem, was wir zutiefst verinnerlicht haben.
Und für sogar richtig halten und für normal.
Nämlich:
Jeder ist sich selbst der Nächste.
Jeder muss gucken, wie er klarkommt.
Und keiner kann es sich erlauben, sein Gewissen und seine Möglichkeiten auch noch zusätzlich & zu sehr mit den Lasten Anderer zu beschweren.
Abgrenzung und Selbstbehauptung sind angesagt.

Dies liegt scheinbar & offenbar doch schon in unseren Genen und wird durch die Evolution des Lebens – das Stärkere, Gesunde & Robuste setzt sich durch! - bestätigt.Und auch unsere Gesellschaft, unser auf Konkurrenz gebautes kapitalistisches Wirtschaftssystem, erzieht uns ja gerade nicht dazu, zuviel Mitgefühl und Solidarität füreinander zu entwickeln.
Im Gegenteil – wer fortkommen will, es zu etwas bringen will, nicht untergehen möchte im Kräftespiel & Getriebe der Welt – der muss getrimmt sein auf Eigensinn und Selbstbehauptung!
Einer trage des Anderen Last!“ begegnet uns da als ein frommer Wunsch, der an den Realitäten des Lebens und der Welt täglich scheitert.
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Doch wie wir es uns auch immer zurechtbiegen.
Welche Gründe auch immer uns Recht geben.
Die Botschaft unseres Predigtwortes heute morgen lautet: „Einer trage des Anderen Last, so werdet Ihr das Gesetz Christi erfüllen!“

Dieses Wort steht zunächst im Zusammenhang eines Streites in der ganz frühen Kirche, ob und wie das jüdische Gesetz auch noch Geltung hat für die, die zum Glauben an Jesus kommen.

Müssen die, die sich zu Jesus halten, auch noch bestimmte gesetzliche Vorschriften einhalten wie Beschneidung, Speisevorschriften, Festkalender und Verbote im alltäglichen Leben? Und gibt es – auch aus anderen religiösen Quellen gespeist – kultische, rituelle, gesetzliche Vorschriften, die auch für Menschen gelten, die mit Jesus sind?

In dieser Auseinandersetzung vertritt Paulus eine klare Position, und zwar vehement, und sagt: „Nein, nein, und nochmals nein! In Christus sind wir frei und an kein Gesetz gebunden … außer vielleicht, wenn Ihr denn nach dem Gesetz und Gebot fragt, das Christus gemäß ist! - außer dem Einen: Dass Ihr einander wahrnehmt, Euch helft, einander verpflichtet seid, Euch gegenseitig beisteht, füreinander sorgt, den Anderen nicht im Stich lasst!“

Also: „Einer trage des Anderen Last, so werdet Ihr das Gesetz Christi erfüllen!´"

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An dieser Stelle berührt unser Wochenspruch zwei empfindliche Stellen.

Die eine lautet: Leben und erleben wir das auch in unserer Gemeinde?
Sind wir so unterwegs, dass neben all dem, was uns so durch die Wochen, Monate & Jahre beschäftigt und auf Trab hält – Strukturfragen, Organisationsfragen, Programmfragen – auch das gegenseitige Mittragen der Anderen und ihrer Sorge & Nöte genügend Platz hat?
Können Menschen, die zu uns kommen, etwas davon erleben?
Erlebe ich es?

Gott sei gepriesen, wo das der Fall ist. Und ich glaube, das ist der Fall.
An vielen Stellen sind wir da gut unterwegs und Menschen spüren das.
Aber wo gibt es dennoch – bei Ihnen, bei mir, in den Gruppen und Kreisen und Bezügen der Gemeinde, zu denen wir gehören – Grund, es heute morgen doch nochmal zu hören?
Den Impuls, auf den Ein oder Anderen nochmal zuzugehen?
Mich hier und da ansprechen zu lassen?
Oder auch: Mir helfen zu lassen?

Die Ausstrahlungskraft einer Gemeinde jedenfalls liegt primär nicht in der Fülle der Angebote, im Funktionieren eines Betriebs oder auch einem Höchstmaß an pastoraler Arbeit – sondern in der beglückenden Erfahrung: Hier – unter den Christen – gbt es ein Tragen und Getragenwerden, das mich gerne kommen lässt … "Einer trage des Anderen Last, so werdet Ihr das Gesetz Christi erfüllen!“

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Die andere spannende Stelle aber betrifft die Frage: Wie politisch ist unser Glaube?
Über diese Frage wird immer wieder gestritten und tatsächlich gibt es die, die am liebsten Glaube & Politik trennen möchten, und meinen, dass das auch geht …

Doch ich habe es gerade ja schon gesagt: Die Welt, in der wir leben, auch unser ökonomisches System, unser Wirtschaftssystem, die Kräfte, die uns steuern und alles unter die Ideologie von Wachstum, Profit, Kapital & Konsum stellen – all das erzieht uns ja eher zu Selbstbehauptern, Konkurrenten und Einzelkämpfern.
Und bewirkt bei uns Ermüdung und Entsolidarisierung.
Das können wir gerne miteinander durchbuchstabieren vom Schulsystem über die Arbeitswelt bis hin zur Renten- und Generationenfrage.

 

Einer trage des Anderen Last, so werdet Ihr das Gesetz Christi erfüllen!“ ist deshalb wohl – ich sage es noch einmal – der Gegenentwurf und die Gegenansage des Evangeliums, der Reich-Gottes-Botschaft und des Rufs in die Nachfolge Jesu zu so Vielem, was uns zur Zeit wieder regiert.
Es ist das Gegenteil zu einer Politik der nationalen Abschottung, wie sie gerade überall geschieht – als könnte man sich die Last der Anderen global vom Hals halten.

Wir alle haben ja sicher mitbekommen, dass in der vergangenen Woche – am Mittwoch - der Weltflüchtlingstag war. Und haben es vielleicht gehört, dass weltweit zur Zeit mehr als 68 Millionen Menschen auf der Flucht sind.
68 Millionen.

Der Kabarettist Hagen Rether bringt es sehr zynisch, aber haargenau auf den Punkt, wenn er sagt: 'Fluchtursachen bekämpfen!' hör' ich immer ... wie rührend ... Das werden wir natürlich NICHT tun, weil wir sonst unsere Lebensweise ändern müssten: Unsere Lebensweise ist deren Fluchtursache! Von Klamotten bis Landwirtschaft, vom Ehering bis zur Stereoanlage und zum Waffenhandel ... Das funktioniert alles dauerhaft nicht, weil wir sie für die Zutaten unseres Wohlstandskuchens arbeiten lassen … Wir bekämpfen also Geflüchtete, aber keine Fluchtursachen. Und wir sind nicht ehrlich und tiefer gehend interessiert an den Ursachen, nicht ehrlich, sonst müssten wir was tun ... Uns fliegen jetzt gerade 600 Jahe Kolonialismus um die Ohren ... Und hier sitzen dann Leute in Talkshows und Zeitungsredaktionen, und erzählen uns, sie sind stolz auf 70 Jahre Frieden und Freiheit in Europa! Wir haben Kriege und Sklaverei 'outgesourced', ganz perfekt! Unser Wohlstand steht auf Leichenbergen ..."

Das sind harte und bittere, aber wahre Worte. Und eigentlich müsste man unseren Wochenspruch sogar umkehren und sagen: Wir sind nicht nur aufgefordert, des Anderen Last zu tragen – wir erleben gerade, dass wir Sie bereits tragen, aufgetragen kriegen, genötigt werden, nicht länger zu denken, wir hätten mit all dem wenig zu tun …

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Bitte verstehen Sie mich an dieser Stelle zum Ende der Predigt nicht falsch. Es sind schwierige Fragen.
Komplizierte Fragen.
Aber die Gemeinde Jesu, die, die das „C“ nicht nur im Namen führen möchten – wir als Christen, christliche Kirchen, christliche Parteien – dürfen uns dem Gesetz Christi und seiner Erfüllung nicht entziehen …

Und so möchte ich die Predigt heute folgendermaßen schließen: Wir – in und durch Christus – sind freie Menschen.
Das ist die Botschaft des Galaterbriefes.
Nichts und niemand darf uns binden, belasten, knechten.
Es gibt da eine herrliche Freiheit und eine Gelöstheit und einen Frohsinn, die das Evangelium allen schenkt, die es annehmen und verinnerlichen.
Aber gerade dieses Evangelium will sich auch in der Welt entfalten, wenn Menschen, Gruppen, Völker sich nicht abschotten, sondern öffnen und bereit sind, im „Wir“ und nicht im „Wir zuerst“, im „Ich und Du“ und nicht im „Ich zuerst“ das Heil zu suchen und zu finden.