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"Bist Du schon fertig?" - Predigt vom 18.8. in der Hauptkirche (Taufgottesdienst)

 

L.G.

Folgende Situation vorweg:

Im Kunstunterricht haben die Schülerinnen & Schüler eine praktische Aufgabe bekommen – sie sollen etwas zeichnen, malen

oder modellieren.

Die Lehrerin sagt: „Gebt Euch Mühe! Seid kreativ! Entwickelt Freude an dem, was Ihr tut! Und bitte: Es kommt nicht darauf

an, wer als Erster fertig ist!“

In der nun folgenden Stunde lässt sie ihren Blick durch den Werkraum gehen – und da sie, wie man so sagt, ihre

„Pappenheimer kennt“, bestätigt sich die ganze Vielfalt ihrer Einschätzung:

-    Einige sind ernsthaft dabei und motiviert.

-    Andere hängen lustlos vor ihrer Aufgabe oder meinen, sie wären nach 20 Minuten schon fertig.

-    Jemand Anderes kommt und sagt: „Was ich angefangen habe ist Mist – darf ich nochmal neu anfangen?“

-    Zum Ende der Stunde gibt es ein paar, die fragen: „Dürfen wir die nächste Stunde damit weitermachen?"           

Und all die, die zu alldem überhaupt keine Lust hatten, deren Papier leer geblieben oder deren Modelliermasse

unberührt geblieben ist, springen sofort auf, als das Pausenzeichen endlich klingelt … und die Lehrerin sagen muss: „Moment,

Moment! So fluchtartig verlässt hier keine den Raum!“

Eine Schulstunde, Kunstunterricht, wir erinnern uns als Erwachsene.

 

Der Predigteinstieg heute jedenfalls beinhaltet die Frage: „Wann sind wir fertig mit etwas – wann sind wir fertig, machen ein

Häkchen dran und sagen ‚erledigt‘?“

 

Irgendwo las ich den Satz: „Es gibt sowohl Christen wie Nicht-Christen, die meinen, auf ihre je eigene Art, mit dem christlichen

Glauben fertig zu sein!“

Die Einen, weil sie sagen: Das gibt mit Nichts, das ist nicht mehr meins, das brauch ich nicht.

Die Anderen: Weil der Glaube – bekannt, gelernt & vertraut – scheinbar in trockene Tücher gewickelt ist, unspannend

geworden wie das gelangweilte Durchzappen durchs Fernsehprogramm am Sonntagnachmittag …

 

Ich lese nun, den für heute vorgeschlagenen Predigttext, unter der Leitfrage: „Wann sind wir fertig mit etwas?“

 

Im Brief an die Gemeinde in Philippi schreibt der Apostel Paulus, Kapitel 3:

Ich meine nicht, dass ich es schon geschafft habe und fertig bin auf meinem Glaubensweg. Von Christus und dem

Evangelium bin ich ergriffen durch und durch, das kann ich sagen – aber es ist kein Besitz, den ich meinerseits schon voll

und ganz ergriffen habe. Nein, das bilde ich mir nicht ein, fertig zu sein. Sondern ich strecke mich aus nach dem, was noch

vor mir liegt und was ich noch nicht erreicht habe“

 

.

 

Soweit Paulus, Originalton, und ganz anders als vor Jahren Bayern‘s Trainer Trappartoni mit seinem : „Ich habe fertig!“

Denn Paulus sagt: Nein, ich habe nicht fertig!

Und das verdient kurz erklärt zu werden.

 

Der kurze Text stammt aus einem Brief, den der Apostel wohl um das Jahr 60 n. Chr. geschrieben hat, als er in Rom wegen

seines Glaubens im Gefängnis saß.

Er hatte die Gemeinde auf seinen Missionsreise gegründet und sie war die erste auf europäischem Boden.

Ein paar Jahre vorher war Paulus in Philippi, der kleinen Stadt in Mazedonien, aufgekreuzt.

Er kam als eifriger Missionar in der Sache Jesu..

Er kam mit dem Evangelium von der Liebe Gottes und dem Ruf in die Nachfolge.

Er kam, um weiterzugeben & auszuteilen.

Er kam – so könnte man sagen – als Besitzender.

Als der, der den Menschen in Philippi, die erst zum Glauben kamen, den Glauben und die Botschaft und das Evangelium

voraus hatte.

 

......

 

Und hier ist die Schnittstelle: Denn Paulus bricht das Gefälle auf von Haben und Nicht-Haben, von Besitz und Nicht-Besitz, von

einer Haltung, die von Oben nach Unten herabschaut und sagt „Ich habe was, was Du nicht hast“.

Nein, sagt Paulus, das ist nicht mein Verständnis des Glaubens und des Evangeliums.

Was habe, teile ich mit Euch, weil Jesus mein Herz gewonnen hat.

Ich liebe Jesus und bin voller Leidenschaft, voller Begeisterung, voller Dankbarkeit für ihn und das, was uns mit ihm geschenkt ist.

Ich bin „ergriffen von Christus“, so drückt er es aus.

Ergriffen, wie auch wir im Leben leidenschaftlich ergriffen sein können, weil etwas uns ganz erfüllt und glücklich macht und

reich: Ein Mensch, ein Neugeborenes, eine Liebesbeziehung, eine Aufgabe.

Oder wie wir – im Kleinen - „ergriffen“ sein können, von einer Musik, einem Film, einem Bild.

Dann brennen wir darauf, es zu teilen.

Zu hoffen, dass es Andere genauso berührt und begeistert.

 

Aber Jesus, mein Glaube, das Evangelium ist nicht mein Besitz.

So sehr ich auch „ergriffen“ bin – ich meinerseits maße mir nicht an, dass ich es schon selbst ganz ergriffen, begriffen, ganz

verstanden, ganz erreicht habe.

Kurzum: Ich bin noch nicht fertig, ich „habe noch nicht fertig“.

 

……….

 

Bitte hören wir nochmal auf den eingangs von mir zitierten Satz:

Es gibt sowohl Christen wie Nicht-Christen, die meinen, auf ihre je eigene Art, mit dem christlichen Glauben fertig zu sein!“

 

Wann, wenn nicht in einem Taufgottesdienst wie heute morgen, könnte dieser Satz passender und treffender sein?

  • Im Blick auf Sophie und Tamin, die wir heute mit der Taufe in die Beziehung zu Christus gestellt haben.

  • Im Blick auf Sie, als Eltern und Paten, mit Ihrem vorhin gegebenen Taufversprechen, und Sie als bunte Taufgesellschaft,

  • die Sie sicher mit ganz unterschiedlichen Befindlichkeiten & persönlichen Bezügen jetzt hier in der Kirche im Gottesdienst sitzen.

  • Und im Blick auf uns alle als christliche Gemeindewo Vielen die Liturgie, die Lieder, das Glaubensbekenntnis über die

  • Jahre bekannt und vertraut sind … und man hier und da mitspricht, mitsingt, ohne dass es sich noch sehr lebendig und

  • frisch anfühlt…?

Ich meine das nicht bös und schließe mich da voll mit ein!

 

Aber: Wo und wie, sind wir, haben wir – oder eben nicht -“fertig“ mit dem Glauben, zu dem die Bibel uns ruft, mit Gott, mit

Jesus, mit dem Evangelium?

 

.......

 

In meinem Vorzimmer im Pfarrhaus, wo ich viele Gespräche mit den unterschiedlichsten Menschen führe, hängt ein

großflächiges Foto mit dem Blick auf Häuser und Straßen eines Stadtteils im nächtlichen New York.

Und eine meiner Lieblingsstellen aus dem Buch „Die Dache mit Gott“ von Heinz Zahrnt, schildert uns folgende Szene:

Hoch über den Dächern der Weltstadt New York, nachts um Drei, interviewt ein kritischer Journalist den protestantischen,

liberalen Theologen Paul Tillch.

Glauben Sie allen Ernstes, das das, was Sie an christlichem Glauben vermitteln wollen, für uns moderne, aufgeklärte

Menschen der Neuzeit noch irgendeine Bedeutung hat?“ Und Tillich antwortet: „Denken Sie mal einen Augenblick an all die

unzähligen Menschen, die jetzt gerade unter uns zu nächtlicher Stunde hier in New York leben, schlafen, arbeiten und

unterwegs sind mit ihrem Leben. --- Welche Fragen bewegen sie denn als Menschen unserer Zeit? Es sind doch immer noch

die uralten Fragen seit Menschengedenken: Die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach der Gerechtigkeit, der Liebe, dem Tod

, nach Trost und der Zukunft der Menschheit. Und da glaube ich in der Tat, dass – über alle Zeiten hinweg – wir mit de

r Botschaft der Bibel und dem, was mit Jesus in die Welt gekommen ist, wozu er uns ruft, was er uns verspricht, wohin er

unsere Blicke & Herzen lenkt, noch längst nicht fertig sind, nie fertig sein werden.“

 

Was für eine Auskunft, ganz im Sinne des heutigen Predigttextes.

 

Aber auch – letzter Gedanke heute – die, die sich Christen nennen, können auf ihre Art & Weise meinen, mit dem Glauben

schon fertig zu sein.

Und das ist vielleicht noch viel furchtbarer.

Gelangweilte Christen.

Satte Christen.

Besserwisserische Christen.

Eine Kirche, die nichts mehr will, nichts mehr bewegt, nichts mehr erwartet.

Gemeinden, Geistliche, Priester, die nur noch verwalten, ihre Tradition wie einen Besitz verwalten & verteidigen.

Ja, Gemeinden, die nicht mehr brennen, nichts mehr wollen und erwarten außer dem geregelten Gang, und keine Unruhe,

keinen Schmerz, keine Tränen mehr kennen angesichts der kranken, kaputten, blutenden Welt …

 

Ich meine nicht, dass ich es schon geschafft habe und fertig bin auf meinem Glaubensweg. Von Christus und dem

Evangelium bin ich ergriffen durch und durch, das kann ich sagen – aber es ist kein Besitz, den ich meinerseits schon voll

und ganz ergriffen habe. Nein, das bilde ich mir nicht ein, fertig zu sein. Sondern ich strecke mich aus nach dem, was noch

vor mir liegt“.

 

 


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