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AKTUELLE PREDIGT (7.7.)

 

Predigt 2. Kor 5,17

Liebe Gemeinde!

Dieser Sonntag ist der letzte vor den Sommerferien, hier in der Kirche finden in diesen Tagen die Abschlussgottesdienste für die Grundschulen Eichen- und Rudolfstraße statt, letzte Woche hatten wir die Segnung der Kindergartenkinder, die bald in die Schule kommen … und so beginnt meine Predigt heute auch mit einer Erinnerung an meine frühe Schulzeit. Und dazu gehörten – und Manche erinnern sich vielleicht mit – unsere Schulhefte.

Jedes neu angefangene Schulheft wurde vorne feierlich mit Namen und Klasse beschriftet, in eine Klarsichthülle gepackt und mit der ersten Seite in Schönschrift begonnen. Über die kommenden Wochen hin wurden diese Schulhefte dann Seite um Seite gefüllt, auch bekritzelt, leider auch mit ärgerlichen Rechtschreib- und Rechenfehlern versehen, nicht immer pfleglich behandelt, sie bekamen Eselsohren, Tinte verschmierte sich … Ein neues Heft anzufangen, obwohl das alte noch gar nicht richtig voll war, konnte da schon mal ein tiefes Bedürfnis sein und sogar zu kleinen Kämpfchen führen, weil Mutter sagte: „Du kannst immer nach Herzenslust ein neues Heft anfangen, das kostet schließlich Geld. Du schreibst das alte erst voll!“ Aber jedes neue Heft, das man in Angriff nahm, war ein kleines Fest für das Schülerherz.

Diese Schulerinnerung fiel mir jedenfalls ein im Nachdenken über das heutige Predigtwort aus 2. Kor. 5,1:

Ist Jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden!“

Jetzt denken Sie vielleicht stirnrunzelnd: Was haben Schulhefte mit diesem Bibelwort zu tun? Nun, es ist das tiefe Bedürfnis, das wir alle kennen – Kinder und Erwachsene.

Nämlich: Etwas Unschönes, Unansehliches, Fehlerhaftes hinter uns zu lassen oder wegzulegen. Und hier und da nochmal irgendwie mit etwas neu zu beginnen.

Eine neue Beschriftung, noch unbeschriebene weisse Seiten – das hat etwas Frisches und Verheißungsvolles.

Aber ein Leben lang schreiben wir – um im Bild zu bleiben - unsere Lebens-Hefte voll mit unserem Tun und Erleben, unseren Rechnen- und Rechtschreibfehlern, ja auch mit unseren Schmierereien und Kritzeleien.

Da kommt man hier und da schon mal an Punkte, wo man Seiten rausreißen oder gar ein ganzes Heft in die Ecke feuern – und ein neues, frisches anfangen möchte.

...

Der Apostel Paulus schreibt in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth: Ist Jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden!“ schreibt er.

Und er wirft damit die Frage auf::

  • Ist es möglich, dass unser Ich neu werden, sich erneuern kann?

  • Gibt es ein Ablegen, Zurücklassen, Neuwerden und noch mal Neu-Ansetzen in unseren Lebensgeschichten?

Paulus sagt: Ja

Egal wieviele Lebensseiten wir schon geschrieben haben und wie ansehnlich oder unansehnlich unsere geknickten Lebenhefte aussehen, egal wieviele Klekse und Rechtschreibfehler und Eselsohren auf all den Seiten zu finden sind, egal wie abgegriffen sie aussehen …

Das Evangelium stellt uns und unser Leben immer wieder neu ins Licht möglicher Neuanfänge und Neuansätze.

  • All Morgen ist ganz frisch und neu, des Herren Gnad und große Treu!“, singen wir doch.

  • Oder „Erneure mich, o ewiges Licht“

  • Oder gleich, im Lied nach der Predigt: „Gib uns den Mut, voll Hoffnung, Herr, heute von vorne zu beginnen.“

Denn das ist Evangelium, frohe Botschaft.

…..

Ich glaube, ein großes Problem in unserem Umgang mit uns selber und mit Anderen ist, dass wir immer wieder viel zu beharrlich festhalten an den Bildern, Urteilen und Meinungen, die wir von uns selber und von Anderen haben.

Ich bin halt, was ich bin.

Ein Produkt meiner Erziehung, meiner Veranlagungen und Gene, meiner z.T. schmerzlichen Erlebnisse, die Wunden, Ängste und Verteidigungsmechanismen bewirkt haben. Ich bin, was ich bin, und verhalte mich, wie ich mich verhalte, weil ich nicht anders kann - aber trotz meiner Fehler und Macken möchte ich gemocht, geliebt und akzeptiert werden.

Kann ich mich denn noch mal ändern, Dinge anders machen als bisher, an Charakterschwächen arbeiten?

Oder sind unsere Grenzen doch sehr eng und nur ganz, ganz selten verändern sich Menschen nochmal auf spürbare Weise?

Hab ich nicht schon manche Anläufe gemacht und am Ende bin ich doch der alte Mensch geblieben, der nicht raus kann aus sich!??

Und vielleicht ist ja auch ein Trotz da: So bin ich halt – und wem das nicht gefällt, wer damit nicht klar kommt, der hat selber ein Problem …

Und andererseits sind unsere Bilder von Anderen und unsere Urteile und Meinungen über sie oft auch etwas sehr Festgelegtes:

Unsere Verwandten, unsere Nachbarn, unsere Arbeitskolleginnen und Kollegen – alle haben doch mehr oder weniger ihren Platz gefunden in unseren Schubladen und bei der Vergabe unserer Aufkleber.

Und in der Gemeinde – seien wir ehrlich – ist es doch viel zu oft auch so: Wie Jemand aussieht, wie sich Jemand hier und da verhalten hat, was wir vermuten, über ihn oder sie schon geredet oder gedacht haben – da kommt man so schnell nicht wieder raus, oder?

Und in unseren Beziehungen, in Ehen und Partnerschaften ist die Resignation oft ein tiefsitzendes Gift: „Ich kenn Dich doch. Ich hab's doch nicht anders erwartet. Lass Deinen Worten mal Taten folgen!“

..

Doch Paulus bricht mit seinem Wort all das auf und schlägt ein Schneise hinein ins Dickicht und Gestrüpp unserer festen Urteile und unseres resignierten oder trotzigen Beharrens, dass nichts Neues wird und nichts Neues zu erwarten ist.

Was ihn dazu veranlasst, ist seine eigene Lebenserfahrung und seine Bekehrung – damals auf dem Weg nach Damaskus.Ein Christenhasser und Christenverfolger war er.Bis er sein spirituelles Erlebnis hatte, sein Erwachen, und dann begriff, hineinwuchs, erkannte, dass Jesus die Inkarnation der Liebe und des Lichtes Gottes ist. Und es folgte etwas Neues, eine Verwandlung, die – wie der Volksmund sagt – aus dem Saulus einen Paulus machte.

...

Eine solche Verwandlung haben viele in der Begegnung mit Jesus erlebt, davon erzählen die Evangelien.

Und immer waren es nicht die Selbstgerechten und Zufriedenen, die mit sich und dem Leben im Reinen waren, sondern die Kaputten und Verirrten, die Zweifler und die gebrochenen Existenzen, die Krummen und Schiefen. In der Begegnung mit Jesus erfuhren Sie Annahme und Liebe, Verwandlung zu neuem Leben und bekamen ein neues Herz.

Wenn das nur alte Geschichten wären, dann wäre es uninteressant, heute darüber zu predigen. Aber seit 2000 Jahren erleben Menschen immer wieder, dass der Glaube und das Evangelium lebensverändernde Kraft hat und dass der Geist Gottes, wenn wir ihn hereinlassen in unser Leben, eine transformierende Energie hat. "„Ist Jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden!“ ist deshalb nicht nur eine steile Behauptung, sondern darf uns zur Lebenserfahrung werden.

Es müssen nicht spektakuläre und fromme „Bekehrungsgeschichten“ sein, wie die vom Zuhälter, der Christ wird oder vom Junkie, der Befreiung von seiner Sucht erfährt, oder vom Mörder, der im Knast zum Glauben kommt.

Es können in unser aller Leben ganz andere Dinge sein, in denen wir nochmal Neuanfänge, Veränderungen, Wandlungen zum Guten erleben dürfen – und uns selbst erfahren dürfen, als neu ins Licht gestellt und ermutigt.

Bruno Paul de Roeck, der belgische Gestalttherapeut, der das wunderbare Büchlein geschrieben hat „Gras unter meinen Füßen“, sagt:Es gibt keine vergeudeten Jahre. Mein Misslingen, meine Neurosen, meine Einsamkeiten, meine Ohnmacht und meine Fehler – dies alles ist kostbare Erde in meinem Garten, wo Weisheit wächst zwischen Freude und Frieden.“

Und Jesus?  Er sagt zu dem Gelähmten: „Steh auf, nimm Dein Bett und geh!“ und zu dem Hauptmann: „Dein Glaube hat Dir geholfen!“ und zu Zachäus: „Heute ist Dir und Deinem Hause Heil wiederfahren!“

.....

Ja, wir bleiben ein Leben lang fehlbare Menschen.

Es gibt unansehliche Seiten und Lebenshefte, die wir beschrieben und mit denen wir nicht pfleglich umgegangen sind.

Aber in Gottes Augen bleiben wir niemals festgelegt auf unsere Schwächen und dunklen Seiten.

Und Gottes Stimme sagt:

Nimm ruhig ein neues Heft und beschrifte es mit Deinem Namen.

Sorge Dich nicht um die Fehler und Klekse und Eselsohren, die Du bislang hinterlassen hast.

Fang neu an auf weissen Seiten.

Und mit dem ABC des Lebens und dem 1x1 der Liebe!“

 

 


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