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HEILIGABENDPREDIGT 2019

foto: COR New York 2014 Jewish Museum

 

Liebe Gemeinde, heute am Heiligen Abend!

 

Ich beginne meine diesjährige und heutige HA-Predigt – augenzwinkernd - mit einer Rückfrage in die gefüllte Kirche hinein:

Denn stellen Sie sich einen Augenblick vor, Sie stünden jetzt hier – wie viele Pfarrerinnen & Pfarrer just in diesen Minuten

überall im Land – und schauen an meiner Stelle – dankbar - in geschätzte 500 Heiligabend-Gesichter … und die Frage lautet:

Was ist es diesmal? Worüber wird er predigen?

Wo wir einerseits wieder kollektiv die Ereignisse dieses Jahres im Land, in der Politik, im Weltgeschehen teilen – im

fortschreitenden Weltenlauf.

Und andererseits ganz persönlich, mit unserem Leben, unseren Befindlicheiten, unseren Gedanken & Gefühlen ganz

unterschiedlich unterwegs sind.

Denken Sie sich nur all die Anderen, die jetzt vor, hinter oder neben ihnen sitzen …. und horchen Sie in sich selbst hinein.

Und wieder ist Weihnachten.

Wo sind Sie und Ich und wir jetzt gerade an diesem Heiligabend zum Jahresausklang 2019?

Und worüber also predigen – im Anschluss an sie alte, vertraute Weihnachtsgeschichte?

 

..

 

In jedem Jahr ist die Predigtvorbereitung für Heilig Abend eine Entscheidung, in welche Richtung es gehen soll.

Und ich habe sie für dieses Jahr getroffen mit dem Lied, das wir gerade gesungen haben.

 

Ich darf Sie fragen:

Haben Sie es mitgesungen?

Und auf den Text geachtet?

 

Von der „Tochter Zion“ - einem weltumspannenden Hoffnungsbild Israels - ist die Rede. Vom Grund zur Freude für

„Jerusalem“ - dieser so zerrrissenen und umkämpften Stadt für Juden, Muslime & Christen.

Und besungen wird mit einem Hosianna – Ho Schana“, hebräisch „Hilf doch!“ - der Sohn Davids – eingereiht in einen

Stammbaum Israels!

Ist es uns bewusst, dass wir Christen damit, heute und jetzt gerade, ein jüdisches Kind loben und preisen?

Einen Sprößling aus dem Stamme Juda und des Gottes Abrahams, Isaaks & Jakobs?

Dies wahrzunehmen wird wohl wieder sehr wichtig.

Denn untrennbar ist unser „christlicher Jesus“ eingewurzelt in die Glaubensgeschichte Israels. Und in das, was jüdischer

Glaube in die Welt gebracht hat und immer noch bringt!

 

.

 

Zu diesem Jahr gehört jedenfalls auch der versuchte Anschlag auf die Synagoge in Halle am 9. Oktober, gezielt am Jom Kippur,

dem höchsten jüdischen Feiertag – der, wäre er gelungen, eine massenmörderische Greueltat gewesen wäre – in unserem

Land des Holocaust.

 

Und mehr als in den Vorjahren empfinde ich, wie groß der Skandal geworden ist:

Dass auf der einen Seite unsere Weihnachtsmärkte und der ganze Weihnachtsrummel in unseren Städten und Innenstädten

stattfindet – und wenig daneben jüdische Gotteshäuser, Synagogen, wieder rund um die Uhr bewacht werden müssen vor

Anschlägen, Parolen, Anfeindungen und Schmierereien …

Hier in Wuppertal so, in meiner Heimatstadt Essen, und überall im Lande ebenso.

Und alle zu beschützenden jüdischen Gotteshäuser stehen für das - wieder und immer noch - bedrohte und angefeindete

Leben jüdischer Menschen …

 

Wir aber feiern, besingen, preisen den Gott Abrahams, Isaaks & Jakobs, der in einem Kind – so das christliche Bekenntnis – zu

uns gekommen ist.

 

Nur drei Streiflichter nun an dieser Stelle aus dem vergangenen Jahr:

 

Das Jahr, das zu Ende geht, war ein „Greta“ Jahr.

Und alle ernstzunehmenden Wissenschaftler stehen mittlerweile an der Seite der „Friday for Future“-Bewegung und auf der

Seite unserer Kinder und Enkel, die uns fragen, welche Zukunft sie denn auf diesem Planeten haben sollen in 10, 30, 50 und

noch mehr Jahren? „Geht lieber in die Schule und lernt für Eure Zukunft!“ hören sie (als ob sie nicht an den anderen Tagen

durch die Schuljahre genug zu lernen hätten und es auch tun) – und sie fragen zurück:“Welche Zukunft denn? Gibt es denn

eine?“

 

Das Jahr geht zu Ende und als wäre im Nachkriegseuropa der letzten 75 Jahre das offene, versöhnte Zueinander nicht ein

Segen, poltern und gröhlen und gieren die Rechts-Populisten und Nationalisten – ein Trump in den USA scheint nicht zu

bremsen und Andere auch nicht – und zunehmend viele Menschen setzen wieder auf Lüger & Betrüger, die prollig oder clever

als Führer das Heft in die Hand nehmen und das Blaue vom Himmel versprechen, und sagen „Wir zuerst – notfalls gegen den

Rest der Welt!“

 

Und das Jahr geht zu Ende mit der bleibenden Frage, ob und wie die Religion, der Glaube, eine Hilfe ist – wo doch neben den

zunehmend mit Entfremdung & Distanz wahrgenommenen Kirchen auch eine zunehmend präsente islamische Religion in

unsere Mitte rückt … Friedrich Engels, der Barmer Sohn, in dieser Kirche konfirmiert und beheimatet, dessen wir 2020 im

Jubiläum zum 200. Geburtstag gedenken, steht jedenfalls auf seinem weiteren Lebensweg für eine beißende, ablehnende

Haltung gegenüber der Religion & Frömmelei, dem Versagen und der Heuchelei seiner eigenen Herkunft ….

..

 

Und in all das hinein nun unser Weihnachtsfest und die Geburt des Kindes im Stall zu Betlehem.

 

Es erinnert uns in diesem Jahr - vielleicht wieder mehr als in den Vorjahren - daran, dass unser Glaube nicht der Glaube an

„irgendein Höheres Wesen“, an irgendeine nebulöse, nicht näher zu bestimmende „Höhere Wirklichkeit“ ist, unter der jeder

dann versteht, was ihm so in den Sinn kommt und passt, am besten ohne, dass es wehtut – sondern an Gott (jüdischer Glaube

spricht seinen Namen nicht aus) und an die göttliche Wirklichkeit, wie sie uns in der Bibel und schon in der Geschichte Israels

bezeugt wird und begegnet.

 

Wenn ich mich jedenfalls mit Menschen über Gott unterhalte und sie sagen, dass sie nicht an Gott glauben, gebe ich ihnen

häfig nach kurzer Zeit Recht und bin ihrer Meinung. Sie reagieren dann überrascht und verwundert. Aber genau wie sie,

glaube ich nicht an einen „Gott“, wie sie ihn sich vorstellen und im Sinn und vor Augen haben … Denn dieser Gott ist häufig

eine Karikatur, die – um Gottes willen! - keinen Glauben verdient. Und die wir – um Gottes willen! - erstmal demontieren.

Und wir kommen dann vielleicht dazu, Augen & Ohren, Herzen & Verstand für Gott in die Richtung zu lenken, wie er sich –

dem biblischen Zeugnis jüdisch-christlichen Glaubens nach – gezeigt, erfahrbar, erkennbar und anschaulich gemacht hat …

 

Empfänglich für den,

 - -- der schon einen Abraham herausgerufen hat, Leben und Zukunft zu suchen im Zurücklassen des Gewohnten & Vertrauten

& Bequemen

- --- der nicht auf der Seite des mächtigen Pharaos war, sondern der gequälte Sklaven mit Mose in die Freiheit geführt hat – so

dass bis in die Sklavereien unserer Zeit hinein ein Martin Luther King und die bekannten Sprirituals wie „Go down Moses“ sich

auf ihn berufen.

----  den Gott, der schon die Propheten in Israel gegenüber den Mächtigen wettern ließ: „Gott hasst Eure Gottesdienste, Opfer

und Lieder – wenn Ihr Unrecht duldet, auf Kosten der Armen lebt, Euch der Fremdlinge nicht annehmt und die Witwen &

Waisen vernachlässigt!“

 

Dieser Gott, diese göttliche Wirklichkeit, kommt in dem Krippenkind, das wir alle heute feiern und besingen!

Und wenn er groß wird, wird er seine Bergpredigt halten, as Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählen und den Armen

Freund, den Mächtigen Feind sein.

Nicht neutral.

Nicht religiös als Beruhigungspille – oder wie Engels Kompagnion Marx es formulierte: Nicht als „Opium fürs Volk“!

 

Und in diesen Kontext hinein, in diesen Rahmen hinein, in diese Geschichte mit Israel und uns, der Welt, hinein ergeht die

Botschaft, die auch auf dem Titelblatt abgedruckt ist – als Zitat des alten Simeon, der das Kind anschaut, das Maria & Joseph

kurz nach seiner Geburt in den Tempel bringen – und der sagt:

 

Meine Augen haben den Heiland gesehen,

den Du bereitet hast vor allen Völkern,

ein Licht, zu erleuchten die Heiden

und zur Ehre Deines Volkes Israel!“

 

 

Und so ist Weihnachten auch in diesem Jahr wieder die Einladung und zugleich Herausforderung an uns:

Mit den Hirten zur Krippe zu kommen.

Mit den drei Weisen dem Stern zu folgen.

Und dann auch dem, der uns

 

Ein persönliches Wort noch zum Schluss:

1990 habe ich meinen ersten Weihnachtsgottesdienst hier in der Unterbarmer Hauptkirche gehalten.

Und durch die Zeit waren es dann viele – in ruhigeren Jahren und einmal mit der Live-Übertragung im 1. Fernsehprogramm

1997 , dem anstehenden und dann vollzogenen Jahrtausendwechsel – und immer wieder mit beunruhigender

Jahresausklänge wie beim Golf- und Jugoslawienkrieg - dem Sturz Gorbatschows in der ehemaligen Sowjetunion und seinen

zunächst unabsehbaren Folgen - 2001 dann nach der Welterschütterung vom 11. September und dem aufkommenden

Ungeheuer des weltweiten Terrorismus …

 

Mit diesem Weihnachtsfest nun gehen wir nun bereits ins 3. Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts.

Mehr als in all den Jahren zuvor ist empfinde ich, dass die Weltgeschichte für uns alle – ohne dass es noch Nischen oder

Rückzugsorte oder Vermeidungsecken gibt – vor einer globalen Zäsur steht.

 

Manche machen die Augen zu.

Manche werden zynisch und depressiv, fatalistisch oder fanatisch.

Manche möchten zurück in selige alte, Zeiten.

Religion, wenn denn gewünscht, wird auch leicht zu Weltflucht und Weltentsagung.

Und ein „Höheres Wesen“ - ob mit oder ohne Bart, als „lieber Gott“ oder Superheld mit Zauberkräften – wird uns und die

Welt nicht retten, weil es ihn so nicht gibt.

 

Rettung und Trost, Heilung und Friede will uns aber werden von dem Gott, dessen Zeuge das Volk Israel bis heute ist und von

dem die Bibel Zeugnis gibt bis in unsere Gegenwart.

Er gibt die Welt, uns, nicht auf.

Er wirbt um uns.

Er sucht uns, geht uns nach, ruft uns hinterher.

Uns allen – egal, welche Nationalität, Sprache, Hautfarbe, Kultur- und Religionsübergreifend – begegnet er in dem

Krippenkind.

 

....

 

Ich wage zum Schluss der Predigt die Konkretion (auch wenn ich weiß, dass die Welt kompliziert geworden ist) und lasse mich

dabei auch gerne behaften:

 

>>> Nicht das Zusammenleben und die Segnung liebender Menschen gleichen Geschlechts sind ihm ein Gräuel, sondern

ertrinkende Flüchtlinge im Mittelmeer und wohlstandssichernde Rüsungsexporte.

 

>>> Friedliebenden Muslimen und Gerechtigkeitssuchenden egal welcher Coloer ist er sicher näher als militanten

Evangelikalen, die Trump begeistert als Gott gesandt bejubeln und betend zu einer zweiten Amtszeit verhelfen wollen.

 

>>> Ein vor Kurzem noch völlig unbekanntes Mädchen wie Greta Thunberg und eine Front alarmierter, nüchterner

Wissenschaftlerkann er benutzen, um die Welt und uns alle prophetisch zu Umkehr, Einsicht und Besinnung zu rufen, bevor

wir die Katastrophen beschreien mit einem: „Wie kann Gott das zulassen?“

 

>>> Und dass Katholiken und Protestanten es endlich schaffen, gemeinsam ein Abendmahl zu feiern, und ein Papst Franziskus

stärker ist als das überkommene Machtgebäude seiner Kirche, und wir Protestanten auch wieder mehr Mut haben, uns gegen

den Mainstream zu stellen – das wäre ein Willkommen für den Gott Israels, der sich im Krippenkind offenbart, nicht nur zur

Weihnachtszeit.

 

Mag sein, dass der ein oder andere sich an diesen letzten Sätzen reibt - aber mit dieser Reibung sind wir dann diesem Kind in

der Krippe näher als mit einem Weihnachtsfest, dass nur noch Stimmung, überkommende Tradition & Folklore ist.

 

In diesem Sinne: Uns und der Welt ein gesegtes Weihnachtsfest!

 


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