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PREDIGT 10.3.  (1. Sonntag der Passionszeit)

Unterbarmer Hauptkirche

"Aussortiert !?!"

 

Liebe Gemeinde, liebe Tauffamilie!

Ich weiss nicht, wieviele Kinder & Jugendliche heute noch genau sagen können, was ein „Kasperle Theater“ ist.

In einer Konfirmandengruppe jedenfalls schauten mich die Jugendlichen – eher zu Hause in der Welt der Computer & Videospiele - etwas befremdlich an, als ich das Stichwort „Kasperle Theater“ vorgab – und als ich, um ihnen auf die Sprünge zu helfen, noch etwas unbedarft ein fröhliches „Tritatrullala“ von mir gab, da hielten sie mich schon für ein bisschen PlemPlem.

Meine Generation ist noch mit „Kaspar & René“ im Kinderprogramm der ARD am Nachmittag großgeworden – und erst recht die Älteren von uns wissen genau, wer alles zum Sortiment der Handpuppen gehörte: Der Kasper, die Großmutter, Gretel, das Krokodil, der böse Räuber, der Schutzmann, der Seppl – und manchmal auch der Teufel, rot, finster und gehörnt, zumindest war der in meiner Spielkiste mit dabei.

Und ich hab gegoogelt – er ist noch zu haben, hier und da, als antiquarische Handpuppe.

Womit wir beim Thema wären, und gerne hätte ich ihnen noch so einen Handpuppenteufel heute morgen mitgebracht …

Denn auf den Teufel gekommen bin ich heute morgen durch den Wochenspruch für diesen ersten Sonntag der beginnenden vorösterlichen Passionszeit, auf den ich mit Ihnen zusammen hören möchte.

Er steht im 1. Johannesbrief im 3. Kapitel, Vers 8, und da heisst es:

Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre!“

….

Nun weiss ich nicht mehr konkret, wo und wie die Handpuppe des Teufels hier und da zum Einsatz kam – aber ich weiss mit Sicherheit, dass wir alle den Teufel irgendwie „aussortiert“ haben und von der Bühne genommen haben.

Der kommt im Repertoire unserer Lebens-Aufführungen, unserer Lebens-Bühnen, unseres Lebens-Theaters nicht mehr vor.

Wenn der Vorhang unseres Lebens aufgeht, bis zum Ende, wenn der Vorhang wieder fällt oder zugeht, spielt ein Teufel keine Rolle.

Der ist raus.

Taugt allenfalls noch als Witzfigur, über den alle lachen, wenn er irgendwo erscheint.

 

Sortieren wir ihn also aus – diesen Teufel mit Hörnern, Pferdefuss und Schwefelgeruch.

Oder spielen wir nostalgisch mit ihm, wenn wir ihn doch noch mal finden in der verstaubten Spielkiste, irgendwo im Keller oder auf dem Dachboden.

Doch was meint nun unser Bibelwort?

„Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre!“

Was ist gemeint?

…..

Hellhörig wird man ja doch, wenn der Papst höchstpersönlich in diesen Tagen wieder den „Teufel“ ins Spiel bringt, in dieser unsäglichen, schrecklichen Geschichte von Kindesmissbrauch durch Priester, Bischöfe und Ordensleute.

Wie bitte, Hallo?

Unzählige fassen sich an den Kopf , wo es doch offensichtlich um ein ganz tiefsitzendes Problem geht in einer weltweiten Institution – da rede ich jetzt bei aller Ökumene doch mal ganz offen - , die sich wie keine andere Institution versteht als Moral- und Sittenwächterin, die es sich bis heute anmaßt, wieder heiratenden Ärzten eine Stelle im katholischen Krankenhaus zu verwehren und Geschiedenen die volle Eucharistie-Gemeinschaft und die festhält am Priesterzwang zum Zölibat. Und die wenig ändert, um systemische Maßnahmen zu ergreifen, nun aber den Teufel ins Spiel bringt …

Kann unsere Gesellschaft darauf anders als mit Empörung und Unverständnis reagieren?

Andererseits – und jetzt versuche ich einen Zugang zum Bibelwort – haben wir ja keine Probleme, Kindesmissbrauch ebenso wie NineEleven/ den 11.September, Hitler und Stalin, Genocide und Völkermorde oder andere Grausamkeiten als „teuflisch“ zu bezeichnen!

Das heisst: Wir alle wissen durchaus – bei aller Aufgeklärtheit – um die Realität des Bösen.

Ja, Hannah Ahrendt redete – als sie Anfang der 60er fassungslos den Eichmann-Prozess verfolgte und diesen biederen, verhuschten, kleinen Spießer zu Gesicht bekam, der Hunderttausende in die Gaskammern schickte – von der „Banalität des Bösen“.

Und von der Tatsache, dass z.B. ein KZ-Aufseher am Heiligabend mitten im Lager von Ausschwitz Weihnachtslieder untem Tannenbau mit seiner Familie singen konnte!

Ja, das führt uns in der Tat weiter: Vom Bösen zu reden und über das Böse nachzudenken – in der Welt, in uns, in dem, was Menschen tun, erleben, verursachen und erleiden!

….

Warum wohl – fragen wir nun an diesem ersten Sonntag der Passionszeit – wurde dieser Jesus von Nazareth, den wir Christen und den die Kirche bis heute bekennt als Sohn Gottes – gekreuzigt und hingerichtet?

Warum durfte er nicht sterben, alt und lebenssatt, und zurückblickend auf ein erfülltes Leben und eine erfüllte „Mission“?

 

Die Antwort liegt wohl darin, dass für einen Jesus – damals wie heute – wenig Platz ist in der Welt.

Ein Provokateur, ein Unruhestifter, war er mit seinem Leben, seinem Tun und seinen Worten.

Nicht für die Bedürftigen, Armen, Schwachen und Kranken.

Sondern für die Herrschenden im öffentlichen Leben, in Religion und Politik.

So wie er den Menschen über jedes Gesetz stellte und in Freiheit & Erbarmen durchs Leben ging.

So wie er zur Umkehr rief und zu einem anderen Tun und Denken.

So wie er so ganz anders von Gott redete, seinem Vater und unserem Vater im Himmel.

Konnte es kein gutes Ende nehmen.

 

Er nahm auf sich die ganze, zusammengeballte Realität des Bösen.

Mit der er schon zu Beginn seiner Wirksamkeit und dann wohl immer wieder gerungen hat.

Der Teufel, der ihn versuchte, war, ist und bleibt – auch im NT - ein Bild.

Er ist eine Puppenspiel-Marionette, eine Spielkarte im Tarot, eine Figur in Romanen, auf der Theaterbühne, in Witz-Zeichnungen und Karikaturen.

 

Aber wir alle kennen das tiefe Erschrecken über die Realität des Bösen.

Und über all das, was in der Welt und auch in uns und zwischen uns an Zerstörung, Dunkelheit und eben an Bösem vorhanden ist.

 

Wir brauchen doch nur die Zeitung zu lesen, die täglichen Nachrichten zu lesen.

Oder durch die Jahrtausende und Jahrhunderte der Menschheitsgeschichte zu gehen.

Wir brauchen doch nur die Unterhaltungsfilme, Krimis und Serien zu gucken, die zu unserer Unterhaltung dienen.

Uns unterhalten mit Therapeuten, Existenzphilosophen, Analytikern.

Oder in den Spiegel zu gucken, in uns hinein, in unsere eigenen Abgründe und auf unsere eigenen tiefen Schatten.

 

Ist der Mensch gut oder böse – oder irgendwas dazwischen?

Sind wir Herr bzw. Frau im eigenen Lebenshaus?

Wieviel Verantwortung tragen wir – oder wo erklären wir uns für unzurechnungsfähig, schieben alles auf die Umstände oder die Verhältnisse oder auf Andere?

  • Jesus hat, soweit ich das sehe, Menschen immer auf ihre Bedürftigkeit, ihre Schwächen, ihre Not, ihre krankmachenden Bindungen hin angeschaut – aber er hat sie auch nie aus der Verantwortung entlassen.

  • Er hat nie vom Teufel geredet – sagen wir bitte, bitte, lieber vom „Bösen“ oder der „Macht des Bösen“! - als etwas, mit dem wir uns herausreden können, weil wir dagegen machtlos oder willenlos sind.

  • Er hat das Böse nie akzeptiert als Gegebenheit, die nun mal da ist und an der nichts zu ändern ist.

  • Und er hat Menschen dazu führen wollen, sich ihrem Schatten und ihren Abgründen zu stellen – um aus ihnen herauszufinden.

 

Das alles, so empfinde ich es, steckt in unserem Wochenspruch für diesen ersten Sonntag der Passionszeit.

Und bevor wir in sechs Wochen Ostern feiern, lädt uns gerade diese Zeit ein, diesen Weg mitzugehen.

Amen

 


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