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HEILIG-ABEND-PREDIGT 2018 in der Unterbarmer Hauptkirche

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L.G. heute am Heiligen Abend!

Wofür sind wir empfänglich? Was erreicht uns und bestimmt unser Lebensgefühl, unser Alltagsverhalten und die Art, wie wir denken?

Mit dieser Frage habe ich vor vier Wochen meine Predigt zum 1. Advent begonnen – im Übergang vom dunklen November hinein in die Vorweihnachtszeit - mit all dem, was in der Adventszeit Licht und Trost und Hoffnung in unsere zunehmend düstere Welt bringen will.

Wofür sind wir empfänglich? Das scheint mir eine Grundsatzfrage geworden zu sein in unserer vernetzten, globalisierten Welt voller täglicher schlechter Nachrichten. Es ist auch heute meine Ausgangsfrage. Am Ende dieses Kalenderjahres 2018 und jetzt-hier am Heiligen Abend.

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Wieder sind wir durch ein Jahr gegangen, das genügend Stoff bietet für Sorgen & Ängste, Wut & Empörung, Ratlosigkeit & schlechte Träume.

Ob in der großen Politik, in unserer Gesellschaft, unserem Alltagsleben – täglich und durch die Wochen und Monate hindurch waren wir eingetaucht in einen Strom schlechter Nachrichten, in einen Strom von Bad News und Fake News, unheilvollen Ereignissen und Entwicklungen.

All das macht etwas mit uns.

Und hinter der Fassade von Normalität und Wohlstand und Funktionstüchtigkeit tun sich längst tiefe Risse und Abgründe auf.

Depressionen, Überforderung, steigende Aggressivität und Flucht in Scheinwelten & Süchte nehmen zu …

Mein Grundgefühl ist:

Wir alle sind wohl zunehmend bedürftig nach Trost, Zuspruch, Vergewisserungen und Ermutigungen.

Und wir alle brauchen wohl zunehmend eine Stabilisierung und etwas, das uns durch die Verunsicherungen und Turbulenzen trägt, die die Welt, unsere Gesellschaft und auch unser kleines Leben erschüttern.

Resilienz“ heisst ja das neue Zauberwort – d.h. Widerstandskraft, innere Stabilität, um schwierige Lebensumstände & dauerhafte Belastungen ohne Beeinträchtigung zu bestehen und zu bewältigen.

Doch woher soll uns Mut & Kraft zufließen?

Aus welcher Quelle, auf welchem tragfähigen Grund?

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Heute, am Heiligen Abend, kommen wir mit all dem wieder zur Krippe, singen unsere vertrauten Weihnachtslieder und hören die alte Geschichte von der Geburt des Krippenkinds in Betlehem.

Es ist schon seltsam, dass diese alte Geschichte, die uns da erzählt und vor Augen gemalt wird, durch all die Zeiten, Geschlechter und Lebensumstände ihre Faszination behalten hat.

Vielleicht deshalb, weil wir uns in ihr - mit unserem Leben und der Welt, wie sie bis heute ist - vielfältig wiederfinden:

  • In den brutalen Machthabern Augustus & Herodes und der römischen Fremdherrschaft des Imperium Romanum.

  • Im rauhen, unsentimentalen Arbeitsalltag der Hirten auf Feld, der Wut & miesen Stimmung wegen der von oben verordneten Volkszählung, den überfüllten Gaststuben, wo die Leute Dampf ablassen, und den Zimmervermietungen zu Wucherpreisen.

  • In den 3 Kamelreitenden , die einem Stern folgen und einen höheren Sinn in Allem suchen.

  • in Maria & Josef, den so einfachen Leuten in einem Kaff am Ende der Welt.

  • Und in dem Kind, das nun da liegt auf Stroh und in der Krippe, das und wie kein Anderes die Sehnsucht verkörpert nach Frieden, Gerechtigkeit und einer Gott-heilen-Welt!

Das spricht uns bis heute an.

Denn – ich sag's nocheinmal, wie immer unsere Einzelbefindlichkeiten jetzt gerade und heute Abend bei Ihnen, bei Euch, bei uns aussehen:

Wir alle sind bedürftig nach Trost, Zuspruch, Vergewisserungen und Ermutigungen.

Und wir alle brauchen eine Stabilisierung und etwas, das uns durch die Turbulenzen trägt, die die Welt, unsere Gesellschaft und auch unser kleines Leben erschüttern.

Und wir möchten nicht wirklich hören: „So ist es halt, das Leben, und so ist er halt, der Lauf der Welt – finde dich damit ab, füge dich, gib deine Träume und Sehnsüchte auf, sei ein Egoist, Pessimist, Zyniker auf diesem Planeten – dann kommst Du am Besten durch!“

Aber was macht das Weihnachtsfest nun heute gut und hoffnungsvoll – ohne abzugleiten in Kitsch, Sentimentalität und frommes Gewäsch?

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Ich möchte daran anknüpfen mit einer Situation, die wir alle aus unserem Leben und Alltag kennen.

Da warten wir gespannt, in einer Entscheidungssituation und voller Anspannung, auf das, was uns mitgeteilt wird.

Und dann heisst es: „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Euch – welche wollt Ihr zuerst hören?“

Und unterschiedlich kann man darauf reagieren – mit einem „Zuerst die Gute!“ oder vorsichtshalber mit einem vorsichtigen: „Zuerst die Schlechte!“

Heute, am Heiligabend – der sich einreiht in all die Weihnachtsfeste der Christenheit über die Zeiten hinweg – gibt es durchaus eine „schlechte Nachricht“.

Und die besteht schlichtweg darin, dass die Bibel (und aus ihr beziehen wir unseren jüdisch-christlichen Glauben) ein sehr realistisches Buch ist.

Sie sieht uns Menschen und den Lauf der Welt mit ihren Dramen, Tragödien und Katastrophen, ganz nüchtern.

Sie verklärt die Welt nicht und schenkt uns keinen billigen Trost, keine falsche Beruhigung, keine Story von einem lieben Gott, der schon irgendwie all das reparieren oder verhindern wird, was wir Menschen anrichten und wozu wir im Stande sind.

Weihnachten haben die Menschen gefeiert in Schützengräben und in Trümmern.

Als die Pest gewütet hat und im 30jährigen Krieg.

Weihnachten feiern sie auch jetzt - in diesen Stunden und an unzähligen anderen Orten – in Armut, Kälte und in Ängsten.

Ja, zu Advent und Weihnachten versuchen wir, uns und unseren Kindern eine Extra-Portion Liebe, Zauber, Romantik & Freude zu schenken, was – wenn es gelingt – wunderbar & schön ist, trotz allem Jahresendzeitstress und Kommerz-Rummel.

Aber die schlechte Nachricht heute ist:

Jesus kommt in eine unromantische Welt – damals wie heute – und nicht in das verschneite Schwarzwalddorf mit Klingelingeling und dem „Hohoho“ des Weihnachtsmanns im Einkaufszentrum …

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Doch nun:

Was ist die Gute Nachricht, die Frohe Botschaft?

Wozu sind wir – immer noch oder wieder aufs Neue – heute Abend hier in der Kirche?

Wir sind hier, weil wir wieder einmal die Geburt des vielleicht wichtigsten Menschen auf diesem Planeten feiern.

Der uns und der Welt dieser Jesus geschenkt wurde, nach dem wir sogar den Geschichtskalender aufgeteilt haben in ein „vor und nach Christi Geburt“.

Wir Christen nennen ihn ja Heiland, Menschenbruder, Gottessohn – und behaupten:

  • In ihm dürfen wir Gott sehen und zugleich uns selbst wie im Spiegel.

  • In ihm begegnet uns göttliche Wirklichkeit als die Menschheit suchende und zurechtbringende Liebe.

  • In ihm, der später die Frommen herausfordert, die Herrschenden provoziert, mit seinen Worten und Taten Licht in die Welt bringt, gekreuzigt wird und doch präsent bleibt bis heute (sonst wären wir nicht hier) – in ihm offenbart sich der tragende Lebensgrund der Welt, den wir etwas hilflos „Gott“ nennen.

Man kann das belächeln, als frommes Gerede abtun, daran zutiefst zweifeln.

Oder man kann aufs Neue aufhorchen, nachfragen, die Spur verfolgen – und damit empfänglich sein dafür, dass dieses Christenfest mehr ist als fromme Folklore.

Nein, dieses Kind hat niemand gepachtet.

Es taugt nicht für Religionskriege.

Es kann allenfalls nach den Feiertagen wieder eingepackt werden wie unsere Krippenfiguren, die nach den 2, 3 Feiertagen zurück in den Karton, ins Regal oder den Keller kommen.

Aber bitte, liebe Christenheit, möchte man sagen: Wird es das dann wieder gewesen sein?

Längst leben wir nicht mehr in einem Abendland, das historisch mal das christliche genannt wurde

Längst leben wir auch in unserem Land, unserer Gesellschaft, substantiell nicht mehr mit einer christlichen Identität.

Und es darf uns in unserer „post-christlichen“, faktisch in vielem un-christlichen Kultur, schon nachdenklich machen, dass Menschen anderer Religionen - Juden, Buddhisten, Hindus, auch Muslime, wenn sie den Koran ernst nehmen, ehrfurchtsvoller und hochachtungsvoller mit Jesus umgehen, als das Gros unserer Gesellschaft.

Wie ernst haltet Ihr es denn nun mit Eurem Jesus? fragen sie uns – und bitte, wann, wenn nicht am Weihnachtsfest und am Heiligen Abend, dürfen wir uns diese Frage gefallen lassen???

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Am Anfang der Predigt habe ich gesagt, dass wir nach dem fortgeschrittenen Jahrtausendwechsel zunehmend bedürftig sind nach Trost, Ermutigung und Vergewisserung.

Nichts versteht sich mehr von selber.

Viele wissen nicht mehr, wo ihnen weltanschaulich und orientierungsmäßig der Kopf steht.

Eine Religion, die engstirnig, dumm, sektiererisch oder gewalttätig daherkommt, wollen und brauchen wir nicht.

Vieles, auch von dem, was uns mal im Konfirmandenunterricht erzählt wurde, ist uns verloren gegangen oder trifft heute vielleicht auf erneuten Erklärungsbedarf und verlangt ein neue Auseinandersetzung damit.

Aber wir haben ein Fundament.

Wir haben eine Quelle.

Und dass wir uns neu auf den Weg machen, diesen Jesus zu suchen und zu finden. Und im Glauben an den Gott, von dem er redet, Mut & Sinn, Orientierung und Halt, das ist die Einladung des Festes heute.