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18.07. 2021 

Predigt im Open-Air-Gottesdienst (Unterbarmer Hauptkirche)

 

Liebe Gemeinde!

Anders als sonst, beginne ich meine Predigt heute ohne eine gedankliche Einleitung, direkt mit dem von mir ausgesuchten Predigttext aus 1. Mose 1, 6-10:

Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, die da scheide zwischen den Wassern. Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah so. Und Gott nannte die Feste Himmel. Da ward aus Abend und Morgen der zweite Tag. Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an einem Ort, das man das Trockene sehe. Und es geschah so. Und Gott nannte das Trockene Erde, und die Sammlung des Wassers nannte er Meer: Und Gott sah, dass es gut war.

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Vor zwei Wochen haben meine Frau und ich noch entspannt aufs Meer geschaut, sind am Deich entlang geradelt mit Blick auf‘s ruhige Wasser, haben beim Strandspaziergang erholt auf die weite See geschaut ...Und nun teilen wir alle, entlang der Wupper, die Gewalt des Wassers, der Wasserfluten von oben und von unten.Und sind wohl an diesem Wochenende erst am Anfang und noch mittendrin, wahrzunehmen, damit umzugehen und zu bewältigen, was die Wasserfluten bei uns und im ganzen Land, an vielen Orten dramatisch und vernichtend, auch in Wuppernähe angerichtet haben.

Die Nachrichten von Überflutung und Naturgewalt anderswo holen uns plötzlich selbst ein, unsere eigenen Wohn- und alltäglichen Lebensräume sind durchflutet, Schäden und Opfer groß – und das alles innerhalb von Stunden, von ein auf den anderen Tag.

Wie immer wir Menschen uns auf dieser Welt, auch wir uns, eingerichtet haben mit unserem Leben und unseren Alltäglichkeiten – plötzlich werden wir erinnert an einigeGrundsätzlichkeiten unseres Erdendaseins und unseres Lebens auf dieser Welt und als Teil der Natur.

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Sehr alt ist die biblische Schöpfungsgeschichte der Genesis, Teil der hebräischen und auch unserer Bibel, und erreicht uns über die Zeiten hinweg in unserer Gegenwart. Immer wieder ist sie auch Thema im Konfirmandenunterricht, wenn wir über „Schöpfung & Schöpfungsverantwortung“ reden.

Wir lernen: Eigentlich gibt es ja zwei Schöpfungserzählungen – die erste mit dem Schema der 7 Tage „Und Gott schuf ... und es war sehr gut.“ und die zweite mit der Erzählung vom Garten Eden, Adam und Eva ...

Wir lernen, was diese Texte sagen wollen und was nicht – dass sie natürlich keine naturwissenschaftlichen Erklärungen sind, nicht in Konkurrenz stehen zunaturwissenschaftlichen Erkenntnissen über die Entstehung des Universums und des Lebens auf dieser Erde – sondern Erzählungen sind, die das Leben und Dasein mit Sinn und Zuspruch und Verantwortung füllen wollen.

Und wir lernen, dass wir Menschen gedacht sind nicht nur als Geschöpfe, sondern auch als kreative, die Schöpfung mitgestaltende und mitverantwortende Wesen, die das „Macht Euch die Erde untertan!“ so vielfältig missverstehen!

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Wer die Gewalt der Natur erlebt – und das tun Menschen seit Menschengedenken – hat es mit etwas zu tun, was unendlich größer ist als unser Größenwahn und unsere Verfügungsgewalt.

Die Götter sind zu beschwichtigen und zu besänftigen, ist eine Reaktion, wenn die Erde bebte, die Fluten kommen und die Sonne sticht, die Ernte verdirbt oder ausbleibt, Blitz und Donner dreinschlagen.

„Wie kann Gott das zulassen?“ ist eine Reaktion der Empörung und Verzweiflung, wenn die Schönheit und die Harmonie und das Funktionieren der Schöpfung kippen in Tragödie und Drama.

 

Die biblischen Texte aber reden zunächst unbeirrbar davon, dass die Schöpfung gut ist und dass sie eine Ordnung hat. Dass wir uns nicht in einem sinnlosen Universum sinnlos wiederfinden mit einem absurden Dasein. Und dass alles Leben nicht Zufallsprodukt und reine Materie, sondern von und zu Gott beseeltes Leben ist, als täglich neu sich vollziehende Schöpfung!

Doch inmitten der so behaupteten grund-sätzlich guten Schöpfung und Schöpfungsordnung erleben wir auch Uneindeutigkeiten, stoßen auf Ambivalenzen und machen eine Menge leidvolle Erfahrungen:

  • Die Natur kann Quelle unendlicher Schönheit und Erfüllung sein und uns tief berühren – aber auch voller Leid und Schmerz sein.
  • Die Naturgesetze machen Sinn – etwa der Schwerkraft, die uns erdet und am Boden hält, aber sie kann auch Ursache für Todesstürze sein.
  • Die Naturkräfte wie Feuer, Wind und Wasser sind sind gesegnete Lebenselemente und zugleich voller, möglicher Zerstörungskraft.
  • Die Zähne in unserem Mund dienen uns Tag für Tag – und können uns doch, entzündet, über Stunden und Tage – wie unser Körper überhaupt – kleine und große Höllenqualen bereiten ...
  • Und auch, wenn wir Menschen für viel Leid und Unglück selbst verantwortlichsind, mittlerweile auch für die Naturveränderungen und Naturkatastrophen – so bleiben doch Fragen, die ans Grundsätzliche rühren ...

Und so arbeiten wir uns – ein ganzes Erdenleben lang – irgendwie ab an einem Leben und an einer Welt voller Glück und Unglück.

Das aber kann kippen in ein Lebens- und Weltverhältnis voller Verzweiflung, Protest und Wut gegen jede Art von Sinndeutung und gegen jede Behauptung einer göttlichen Schöpfung mit Sinn und Ziel ...

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Doch zurück zu unseren Erfahrungen in diesen Tagen und Stunden.

Erschrocken sind wir auf beklemmende Weise – ob wir nun die täglichen Nachrichten und Bilder sehen, und selbst, wie wir sagen – Gott sei Dank – kein Wasser im Keller oder im Dach haben – oder selbst betroffen sind heute morgen.

Wir mögen uns in Allem durchaus relativieren – gemessen an regelmäßigen Flutkatastrophen und Tsunamies in andere Teilen der Welt – aber es geht trotzdem plötzlich auch bei uns an die Substanz mit Todesopfern, Existenzvernichtungen und z.T. verheerenden Folgeschäden.

Was wir erleben ist die Fragilität, die Brüchigkeit, unseres Lebens.

„... die da meinen so sicher zu leben“, heißt es in Psalm 39, d.h. in Vielen auch wir, erleben Erschütterung.Die Naturgewalten machen uns Menschen ganz klein.Sie machen uns demütig und zeigen uns, das nichts selbstverständlich ist, was wir im Durchgang durchs Leben oft unhinterfragt für selbstverständlich halten.

Vorallem auch: In diesen Jahren – seit Längerem ja schon – ernten wir die Früchte unseres Tuns, was den Umgang mit Natur und Lebensgrundlagen betrifft.

„Die Natur spielt verrückt!“ hört man oft, das „Wetter spielt verrückt“ – aber genau das Gegenteil ist der Fall: Sie reagiert folgerichtig auf unsere Eingriffe, die Natur. Sie zeigt, dass unser zivilisatorisches Verständnis des „Macht Euch die Erde untertan!“ verheerende Folgen hat.

Ich brauche es nicht weiter auszuführen – wir wissen es doch.Und hören und lesen, spüren und bereden es doch seit Jahren ...

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Doch wo ist und bleibt in alldem nun unser Glaube? Ich nenne und sehe drei Dinge im Umgang mit den Krisen und Herausforderungen der Welt:

1. Zupacken!

Es gibt eine jüdische Tradition der Weltdeutung die davon spricht, dass Gott die Welt genauso geschaffen hat, wie sie ist, damit der Mensch als Gegenüber mitschöpfend, mittragend, mitgestaltend in der Welt steht.Eine Welt, in der die Naturgesetze sind, was sie sind.Eine Welt, die vielleicht absichtlich „Löcher“ hat, die wir deutend nicht verstehen.Eine Welt, in der Menschen von Geschlecht zu Geschlecht auch verfehlen und verspielen, was ihnen anvertraut ist.Eine Welt, in der Schöpfung und Erhaltung nicht irgendwo am U-Anfang steht,sondern täglich, augenblicklich passiert. Aber eine Welt die uns dazu ruft, solidarisch mit anzupacken, zuzupacken, die „Löcher“ zu stopfen mit unserem Möglichkeiten – und als Menschen immer und immer wieder zu Mitmenschen zu werden.Ein Segen, wo das passiert. Auch jetzt gerade in diesen Tagen und Stunden und weiterhin.

 

2. Demütigung?!

Zu unserem Selbstverständnis als Menschen gehört ja eher der Stolz als die Demut.Aber es gibt eben auch Erfahrungen, Zumutungen, Auferlegte Dinge, die unseren Stolz brechen, und uns nötigen dazu, uns zu beugen und – wie unbeliebt und altmodisch und unzeitgemäß, das zu sagen – uns zu demütigen unter das, was ist. Und was uns zur Vernunft, zu Ensicht und Umkehr bringen will.Ob es uns gefällt oder nicht.

 

Und 3. Das Dennoch und Trotzdem des Glaubens.

Immer weniger kann ich im Älterwerden und im Blick auf das Weltgetriebe im fortschreitenden 21. Jahrhundert etwas anfangen, mit dem, was ich eine „ungebrochene“ Theologie und Verkündigung nenne – mit einem Glauben, der allzu vollmundig von Gott, der Welt und uns Menschen redet.

Einen solchen „ungebrochenen“ Glauben finde ich weder in der Welt noch in der Bibel.Auch wir Christen sind mit Kreuz und Auferstehung, Karfreitag und Ostern und Pfingsten noch nicht am Ziel.

Und ich kann nachvollziehen, was Dorothee Sölle meinte, als sie im Laufe ihres Lebens schrieb: „Ich werde immer jüdischer!“

Und so gehören die letzten Sätze dieser Predigt heute – angefangen mit dem 2. und 3 Schöpfungstag der Genesis und im Kontext der Ereignisse – dem Psalm 73, wo es derBeter aushält, sich so an Gott zu wenden:

„Ich bin täglich geplagt.Dennoch bleibe ich stets an Dir.Denn Du hältst mich bei meinerrechten Hand.Du leitest mich und nimmst mich am Ende in Ehren an.Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachten,so bist Du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil."

Man mag über solche Sätze den Kopfschütteln.

Oder gar lachen.

Ich mache sie mir zu eigen.

 


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