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Aktuelle Predigt (21.7.)

"WER sagt uns, wo's langgeht???"

foto COR

L.G.

Wer sagt uns, wo's langgeht?

Diese Frage stellt sich, wenn wir's selber nicht mehr wissen. Wenn Verwirrung und Unklarheit herrscht, wohin denn der Weg – der richtige Weg – nun führt. An Weggabelungen, an Kreuzungen, auf offenem Gelände ohne Anhaltspunkte …

In unseren Zeiten scheint sich diese Frage zunehmend zu stellen – im Blick auf die Gesellschaft, das Zeitgeschehen und all die komplexen Probleme in unserer globalisierten Welt.

Und der allgemeinen Ratlosigkeit bieten sich Stimmen an, die sagen: „Ich sage Euch, wir sagen Euch, wo's langgeht. Wir kennen die Richtung, wir haben die Antworten, wir gehen voran und Ihr bitte hinterher!“

 

Dabei wächst die Empfänglichkeit für einfache Antworten – sei es politisch oder religiös: Schluss mit all diesem Gutmenschtum, linkem Idealismus, Multi-Kulti und all diesem Rücksicht nehmen auf Alles und Jedes.

Und wenn sie kommen und uns sagen, wo's langgeht, mit ihren Versprechen und Sprüchen, dass es an der Zeit ist, wieder national und abgrenzend und konsequent an sich denkend zu werden – dann geht es wieder in Richtungen, die man weder in Deutschland noch in Europa (nun fast 75 Jahre nach Weltkriegsende) für möglich gehalten hätte …

Ja, wer sagt uns, wo's langgeht?

.....

Ich lese, mit dieser Einleitung, nun den für heute vorgegebenen und vorgeschlagenen Predigttext aus Matthäus 9, 35-37:

Und Jesus zog umher in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium vom Reich Gottes und heilte alle Krankheiten und Gebrechen. Und als er das Volk sah, jammerte es ihn, denn sie waren geängstigt und zerstreut wie Schafe, die keinen Hirten haben ...“

Soweit zunächst.

Und ich wiederhole nocheinmal den letzten Satz:

Und als er das Volk sah, jammerte es ihn, denn sie waren geängstigt und zerstreut wie Schafe, die keinen Hirten haben ...“

.

Immer wieder gab und gibt es ja innerhalb und außerhalb der Kirche die Diskussion darüber, wie politisch die Predigten in unseren Gottesdiensten sein dürfen?!

Die einen sagen: Politik hat in der Kirche nichts verloren! Kirche soll und muss sich aus der Politik heraushalten!

Oder: Wenn ich in die Kirche gehe, will ich mal gerade eben nix von Politik und Tagesgeschehen und all den Nachrichten hören! Da will ich Trost, Zuspruch, Ermutigung, Seelsorge – und nicht hören, was der Pfarrer oder die Pfarrerin zu diesem oder Jenem meint oder mir aufoktruieren will …

Soll'n sie von mir aus auf den Kirchentagen ihr politischen Foren und Diskussionen haben – aber am Sonntagmorgen will ich Erbauung & Evangelium …

....

Jesus aber sah, so heißt es, das Volk, und es jammerte ihn, denn sie waren geängstigt und zerstreut.

Eine Zustandsbeschreibung, die aus der Bibel gelesen, hineinspringt in unsere Gegenwart – das Volk, geängstigt, zerstreut, ratlos, verwirrt …

Wer sagt uns, wo's langgeht?

.....

Das Bild von den Schafen und der Herde, die einem Hirten folgen, scheint uns sehr ambivalent.

Führer, befiehl, wir folgen!“

Der Ruf nach dem starken Mann, oder der Partei, die alles lenkt.

So sehen wir uns nicht – als willige Schafe. Das wollen wir nicht sein – unmündig, nicht mehr selbstbestimmt, gelenkt und verführt.

(So wie ich es neulich irgendwo las: „Papa, beginnen alle Märchen mit 'Es war einmal …'?“ - und die Antwort:“Nein, viele Märchen beginnen mit: Wenn Ihr mich wählt, dann …!“ ...)

Und doch:

Gelenkt werden wir.

Hierhin und dorthin gezogen.

Manipuliert, längst in verschiedenen Booten sitzend, nach vielen Pfeifen tanzend.

Unsere Selbstbestimmtheit, auf die wir uns soviel einbilden, ist bei näherer Berachtung zu 90 % Selbsttäuschung.

..

Jesus, so heißt es, predigt das „Reich Gottes“.

Doch was ist das - das „Reich Gottes“?

Es hat nichts mit weltlicher Herrschaft zu tun oder einem irdischen Herrschaftsgebiet.

Sondern „Reich Gottes“ bedeutet in der Bibel, dass Gottes gütiger, gnädiger, heilsamer Wille zum Zuge kommt in unseren Herzen, unserem Zusammenleben und in der Gestaltung der Welt.

  • Reich Gottes“ ist das Gegenteil von unserem Eigensinn, unserer Blindheit, unserer Dummheit, mit der wir – und damit sind wir in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts – unsere Welt und die Zukunft unserer Kinder immer mehr zerstören.

  • Reich Gottes“ ist die Erfahrung, dass unsere Welt auch anders sein kann, als sie ist.

  • Es ist die Einsicht und Erkenntnis, dass wir anders leben, handeln und entscheiden können, auch wenn uns tausendmal gesagt wird „Es geht nicht anders“.

  • Reich Gottes ist die andere, heilende & heilsame Dimension des Lebens und Zusammenlebens, nach der alle Menschen und unsere Herzen & Seelen dürsten.

In einer Welt, wir wir sie täglich leben und fortschreiben und scheinbar nicht anders kennen – als ausgefüllt mit „Jeder ist sich selbst der Nächste“ und „Haste was, dann biste was“ und „Wie Du mir so ich Dir“..

 

Ja, wie politisch darf eine Predigt sein, wie konkret?

Ich will konkret sein jetzt, und sage:

Das Reich Gottes ist da,

  • wo wir auf unsere Kinder der Fridays-for-Future hören und als Einzelne und kollektiv anfangen, unseren Lebensstil und unser Konsumverhalten zu ändern – weniger autofahren, weniger fliegen, weniger Fleisch konsumieren, uns weniger vollstopfen mit Dingen, die uns nicht wirklich reich und satt machen – und merken es geht, weil weniger oft mehr ist, und und uns nicht unglücklich macht,

  • wo Menschen unbeirrbar und allen Multi-Kulti-Diffamierungen zum Trotz –erkennen, dass es kein zurück mehr gibt in Deutschtümeleien und ein „Wir bleiben unter uns“ - sondern über alle Religions-, Kultur- und Nationalitätsgrenzen hinweg das Verbindende suchen – und den Scharfmachern im eigenen Nest die Rote Karte zeigen und sich nicht einreden lassen, dass das zukünftige Heil wieder in Abgrenzung und Nationalismus liegt,

  • wo wir noch oder wieder über jeden Ertrinkenden im Mittelmeer weinen können

  • wo ein Donald Trump keine zweite Amtszeit bekommt und Amerika sich stattdessen wieder besinnt auf Stimmen wie die von Martin Luther King mit seinem „I have a Dream!“ statt „America first“

  • Und wo nicht die nächste Mondlandung ein Ziel ist, sondern Bildung und Armutsbekämpfung auf der Erde.

     

Aber „Reich Gottes“ ist auch da, wo

  • wir in unseren eigenen Herzen Frieden finden & bewahren

  • uns mit unseren Nachbarn oder Kollegen oder in der Familie wieder versöhnen, statt stur zu bleiben.

  • uns mal bücken, um den Müll wegzuräumen, wenn es Andere nicht tun, oder Anderen mal die Vorfahrt lassen.

  • Wir mit unseren Kindern gut sind und auch mit den Kindern der Anderen.

.

Ja, wer sagt uns, wo's langgeht? - war die Ausgangsfrage der Predigt über den für heute vorgeschlagenen Predigttext, in dem, davon die Rede ist, dass Jesus das „Reich Gottes“ predigt und traurig, erschüttert, deprimiert darüber ist, wie die Menschen um ihn herum drauf sind

War er, ist er, ein Träumer, dieser Jesus?

Und mit ihm, die die sich Christen nennen und sich als solche nicht zufrieden geben mit der Vetröstung auf ein Jenseits?

Ist die Welt, unabänderlich und alternativlos, wie sie ist?

Sind wir Menschen vielleicht – statt uns in der Taufe zu beglückwünschen als wertvolle, von Gott geliebte Geschöpfe – eine Fehlkonstruktion?

Gerade die Taufe von Lina und Emilie lässt mich dies heute fragen.

Denn es geht um ihre Zukunft auf diesem Planeten.

....

Unser Predigttext endet noch mit einem weiteren Satz.

Denn Jesus schaut am Ende seine Jünger & Nachfolger an, die, die mit ihm waren, und ihm zusahen und miterlebten, wie er heilte und gesund machte.

Und dann sagt er:

Die Ernte ist groß, aber es braucht Arbeiter, die die Ernte mit einfahren!“

Ja, wer sagt uns, wo's langgeht?

Im Augenblick, so scheint es, ernten all diejenigen Applaus und Zustimmung und finden Zulauf, die unsere Welt absehbar ins Verderben führen.

All die Führer und selbsternannten Heilsbringer, die die Ihren um sich scharen zum letzten Gefecht – und ihre Ernte, ihre hier und da bestürzend reiche Ernte, besteht in Jubelrufen und in Massenbeegeisterungen, wie es sie in der Geschichte der Menschheit immer geben hat.

Das Evangelium aber sucht Erntehelfer für das tägliche „Reich Gottes“ im Kleinen und im Großen.

Es sucht uns.

Dass wir es leben und tatkräftig beten: „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe!“

Wann, wenn nicht in diesem Sommer,  spätestens jetzt, wenn nicht schon längst  vorher, haben wir dies zu hören und zu bedenken?


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