Damals wie heute ... von einer Frage befreit!

Im kommenden Jahr jährt sich das große 500jährige Luther-Jubiläum von 2017 bereits schon wieder zum zehnten Mal … der große Rummel rund um den Reformator erscheint im Rückspiegel – und es war ja tatsächlich nocheinmal eine „große Welle“, die mit Büchern, Publikationen, Veranstaltungen, Feiern und Medien-Aufmerksamkeit zum Tragen kam …
„Ist Luther noch aktuell?“ … „Was war das mit seiner Person und seinem Wirken?“ … „Was war und was bleibt von der Reformation?“ … „Was heißt es, evangelisch zu sein?“ --- All diese Fragen wurden vielfältig gedreht und gewendet, Luther wertgeschätzt und zutiefst kritisch hinterfragt, Tiefsinn und Kommerz hatten ihre Bühne …
Ich selbst bin, von meinem Ordinationsgelübde und in Zugehörigkeit zur Rheinischen Landeskirche nicht „lutherisch“, sondern „uniert“ - d.h. ich bin weder Lutheraner noch reformiert (also dem strengen, Schweizer Flügel der Reformationsbewegung zugeordnet), sondern – salopp gesagt - „mittig“.
Die Unterbarmer Hauptkirche, an der ich 34 Jahre lang Pfarrer sein durfte, gehört sogar zu den ersten Gemeinden, in der ein lutherischer und ein reformierter Pfarrer damals gemeinsam im Amt waren – das Gemeindesiegel mit der Händereichung über dem Abendmahlskelch und der Bibel symbolisiert es bis heute.
Nun, im Ruhestand, nach-beruflich, im eigenen Älterwerden und in zunehmendem Bewusstsein der eigenen Endlichkeit, stoße ich nocheinmal auf die Frage, die dem Reformator damals so zusetzte, nämlich: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“, „Wie bestehe ich vor ihm im Gericht?“ und „Wie werde ich nach meinem Tod selig?“
Ist diese Brille, durch die Luther voller Angst und Sorge blickte, für uns in der Neuzeit, in unserer modernen bzw. post-modernen Welt- und Lebens-Wahrnehmung, noch wichtig und relevant?
Manche Frage, so sagt man, erledigt sich durch Liegenlassen.
Manches erscheint uns fremd und komisch, was früher mal die Welt bewegt hat und in den Köpfen und Herzen der Menschen eine Rolle spielte.
Vieles haken wir ab und lassen es zurück und hinter uns, weil unser Denken und Empfinden, unsere Welt- und Lebenswirklichkeit eben eine ganz andere ist, als die unserer Groß- und Ur-Großeltern oder die vergangener Jahrhunderte und vergangener Epochen.
Luthers Lebenswelt war die des Mittelalters und er selbst war ein Mensch des Mittelalters.
Und die Angst, die z.T. tiefe, existenzielle Angst vor dem Gericht und dem Zorn Gottes, vor Hölle und Verdammnis, gehörte in diese Zeit.
In einem Lutherfilm sehen wir eine Szene, in der der Mönch Bruder Martin verzweifelt hin und her rast – heulend, hadernd, völlig losgelöst. Sein Beichtvater schaut nach ihm und fragt, was ihn so verzweifelt macht – und Luther antwortet: „Ich will einen Gott, den ich lieben kann!“
Dieser Satz geht tief: Denn einen Gott, den man lieben kann – wie sollte er zugleich der sein, den man voller Angst und Furcht vor Augen hat und im Herzen trägt? Einen solchen Gott kann man nicht lieben.
Aber schon diese Szene, dieser Gedanke, scheint uns fremd.
Gott?
Die Selbstverständlichkeit einer Gotteswirklichkeit, einer Gott-Gegebenheit, der Glaube an Gott ist uns in der Neuzeit und in der Postmoderne wohl weitgehend abhanden gekommen.
Unsere Gesellschaft ist eine „nach-christliche“ geworden, die Bibel kaum noch als „Basis-Wissen“ und Autorität in den Köpfen und Herzen der Menschen gegenwärtig, die Gottesfrage mag hier und da noch mal aufploppen und für einen Restbestand an Kirchgängern, Gläubigen oder gar Fanatikern nachwievor wichtig sein.
Aber Luthers Angst vor dem Jüngsten Gericht, vor Gott, vor Hölle und Verdamnis – die treibt uns nicht um, die kommt uns fern und komisch vor.
Mittlelalter halt oder was für fromm-schräge Gemüter …
…
An dieser Stelle bekommen Andachten und Predigten oft eine „Bruchstelle“, die darin besteht, dass es plötzlich heißt: „Und doch ...“
Und dann kommt die Kehrtwende: „Aber ist es denn tatsächlich so, wie eben gesagt? Müssen wir nicht … und sagt die Bibel nicht … und sollten wir uns nicht doch eingestehen, dass …?“
Und das bisher Gesagte wird nochmal in Frage gestellt.
Das heißt in diesem Fall:
Luthers Frage nach dem gnädigen Gott ist nicht überholt, sie bleibt aktuell, auch wir sind und bleiben mit ihr konfrontiert.
Und wir tun gut daran, sie weiterhin ernst zu nehmen, ja, uns von ihr bedrängen zu lassen, so wie Luther von ihr bedrängt war.
Und ist ist das nicht auch ganz biblisch, ganz neutestamentlich, ganz essentiell für den christlichen Glauben?
…
Eine der wertvollsten Aussagen, die ich auf meinem Glaubens- und Lebensweg vor Jahren gelesen habe, stammt von dem ev. Theologen Helmut Gollwitzer.
Er schrieb:
„Die Frage Luthers 'Wie kriege ich einen gnädigen Gott?', die man gewöhnlich für seine Zentralfrage hält, war freilich und tatsächlich seine Ausgangsfrage – seine Zentralerfahrung aber war die Befreiung von dieser Frage!“
Was für eine großartige, beglückende Wahrheit ist das: Seine Zentral-Erfahrung war die Befreiung von dieser Frage!
Sie war nicht mehr relevant, hatte kein Gewicht mehr, konnte beiseite gelassen, ignoriert, vergessen und für „null und nichtig“ erklärt werden.
Jedem erneuten Aufkeimen der Frage nach der Hölle, der Verwerfung und Verdammnis, konnte Luther nun – befreit und selig - entgegenhalten: „Nun sieh, was soll dir dein Gott mehr tun, damit du den Tod willig annimmst, nicht fürchtest und überwindest? Er zeigt und gibt dir in Christus das Bild des Lebens, der Gnade und der Seligkeit! Damit du dich nicht vor dem Bild des Todes, der Sünde entsetzest.
Er legt deinen Tod, deine Sünde, deine Hölle auf seinen liebsten Sohn, überwindet sie für dich und an deiner statt, und macht sie unschädlich für dich. Was kann und was soll er mehr tun?“
…
Provozierend und konsequent wage ich den Gedanken, dass es – im weiten Bogenschlag von Luther zu uns und in die Neuzeit - überhaupt nicht schlimm ist, wenn wir Menschen heute tatsächlich von Luthers Ausgangsfrage gar nicht mehr berührt und bewegt werden.
Wenn Luthers Frage für uns nicht mehr relevant und von Bedeutung ist.
Wenn unser Fragen nach Gott nicht mehr geleitet wird und bestimmt wird von der Angst und Furcht vor dem jüngsten Gericht, vor Verwerfung, Hölle und ewiger Verdamnis.
Warum?
Weil Angst vor Gott eine schlechte Motivation für ein gutes Leben ist.
Weil Gott in der Tat, wie das Neue Testament sagt, umfassende Liebe ist.
Und weil wir damit frei werden, uns dem Leben und der Welt mit ihren wirklich wichtigen Fragen, Herausforderungen und Aufgaben zu stellen!
Sollte tatsächlich, im Zugehen auf den Tod und das Sterben, die Angst und Furcht des Martin Luther noch einmal in uns wach werden und uns bedrängen, dann dürfen wir, dann sollen wir, dann will und werde auch ich mir das „Bild des Lebens, der Gnade und der Seligkeit in Christus“ vor Augen und im Herzen halten.
Denn das ist das „Evangelium pur“ und als Konzentrat.
Ansonsten gilt: Luthers Frage darf tatsächlich in den Container des Ausrangierten – ein Anzug, ein Kleid, das uns nicht mehr passt, das wir nicht mehr tragen, das uns nicht mehr steht, aus dem wir herausgewachsen sind.
…
Was uns bleibt und wozu wir gerufen sind, ist das Leben.
Das schöne-schwere Leben.
Seine Gestaltung und Erfüllung.
Seine Lasten und Freuden.
Die Verantwortung, die wir haben.
Das Glück, das uns immer wieder geschenkt wird.
Das Unglück, das wir zu bewältigen haben.
Und die Aufgaben, die heute und morgen auf uns warten.
Wenn man es so ausdrücken will: Das pralle, volle „Diesseits“!
Luther sah das übrigens auch so:
Noch vor dem Weltuntergang wollte er sein berühmtes Apfelbäumchen pflanzen.
Zu Tische sitzend, sagte er: „Unser Herrgott gönnt uns gern, dass wir essen und trinkenn und fröhlich sind!“
Und im Blick auf eine zu große Zaghaftigkeit, das Leben in Angriff zu nehmen und seine Aufgaben zu erfüllen, konnte er sagen: „Pecca fortiter! Sündige tapfer!“
…
Während ich diese Sätze hier schreibe und diese Gedanken mit Euch teile, sitze ich an einem Mittwochmorgen mit dem ersten Kaffee am PC.
Der August schreitet fort, der Spätsommer wird bald in den Herbst übergehen.
Schon jetzt wird es wieder früher dunkel und morgens später hell.
Heute bleibt der Himmel grau und verhangen.
Aber Gott sei Dank hat es nach Wochen der Hitze und Trockenheit auch diese Nacht wieder geregnet.
Ein Aufatmen in der Natur, bei Mensch und Tier ist spürbar, mit jedem Regenguss, der in diesen Tagen und Stunden wieder auf die Erde fällt.
Vielleicht erinnern wir uns Ende Oktober, am Reformationstag, dem 31.10.. auch wieder daran, was für ein Aufatmen Luthers Neu- und Wiederentdeckung des Evangeliums damals war.
Und wie frei auch wir uns Tag für Tag immer wieder dem Leben zuwenden dürfen – von Gottes Liebe getragen, durch alle Jahres- und Lebenszeiten hindurch.