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"Sag nichts!" - Predigt

 

 

 

Heute stelle ich das Predigtwort einmal – ohne hinführende Einleitung - direkt an den Anfang – und wir

haben es eben im Psalm ja schon gesprochen:

Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, dass ich

Gottes Angesicht schaue?“ Psalm 42, 3

Und das Wort, das ich darin aufgreifen möchte ist das „Angesicht Gottes“.

 

Auch am Ende vieler Gottesdienste begegnet es uns ja, wenn wir mit dem Aaronitischen Segen

zugesprochen bekommen: „Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Dir!“

Was aber hat es damit auf sich?

Was soll das heißen?

Gibt es ein Gesicht, ein Angesicht Gottes, das wir schauen können und das auf uns schaut?

 

Sagen wir nicht zu vorschnell ‚JA‘ mit unserem christlichen Bekenntnis!

Denn der Psalm redet von einer für uns alle immer noch unerfüllten und immer noch bestehenden

Suche & Sehnsucht:

Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, dass ich

Gottes Angesicht schaue?“

 

Und in tiefer Resonanz dazu ist die Welt um uns herum voll von dieser unerfüllten Frage nach Gott –

aus Leid geboren.

Denn manche verzweifelte, verbitterte Stimme sehnt sich anklagend danach, einem Gott – wenn es ihn

denn gibt – das Elend dieser Welt ins Angesicht zu schreien – mit der Bitte um Erklärung und

Rechtfertigung!

Ja, wenn es Gott gibt, den Gerechten - Warum???

 

...

 

Wenn wir von einem Menschen sagen: „Er oder sie hat zwei Gesichter!“ dann meinen wir das negativ, denn

es bedeutet: Hinter der vielleicht zunächst empfundenen Nettigkeit und der guten, vertrauenswürdigen

Erscheinung, verbirgt sich noch eine ganz andere Seite – und die ist gar nicht mehr nett und gar nich

t mehr sympathisch & vertrauenswürdig … Also: Vorsicht und aufgepasst!

 

Und die Frage lautet: Hat Gott - wie immer Menschen ihn anrufen und nennen - auch zwei – oder gar

mehrere, letzlich uneindeutige - Gesichter“?

 

Christen sagen und bekennen oft recht forsch: „Gott hat doch in Jesus Christus eindeutig, endgültig und

ein für allemal ein Gesicht bekommen und eine Stimme! Das ist die Mitte unseres Glaubens!“

Aber auch wir – wenn unser Glaube nicht abdriftet in eine weltfremde Blase – müssen bekennen, das auch

dieses, unser Bekenntnis, eine unerfüllte Dimension hat.

Eine bleibende Wunde.

Eine offene Dimension.

 

Denn jetzt gerade leiden, schreien, verzweifeln, verbluten & krepieren unendlich viele Leben auf diesem

Erdplaneten – wie schon seit Menschengedenken – und brauchen, verdienen keine esoterische Antwort,

dass das alles dann doch in irgendeinem „höheren Sinne“ doch irgendwie sinnvoll sein soll!

 

NEIN! - sagt da etwas in uns – wenn wir jüdisch-christlich unserer Bibel treu bleiben!

Ehrlich zu uns selbst sind.

Und zugleich die Leiden der Welt ernst- und wahrnehmen!!!

 

...

 

Was aber dann?

 

Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.

Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue?“

 

Ich denke an dieser Stelle an ein Werk, dass 1953 in Paris seine Uraufführung hatte:

Warten auf Godot“ heißt das Theaterstück von Samuel Beckett, in dem die Hauptakteure Estragon und

Wladimir ein ganzes Bühnenstück lang auf einen gewissen, unbekannten „Godot“ warten. Dieses Warten

wird immer skurriler und immer absurder – sowohl das Warten wie auch der unbekannte Godot werden

zu etwas scheinbar völlig Sinnlosem.

Warten worauf denn?

Und wer ist dieser „Godot“?

Beide Fragen werden nicht beantwortet.

Und auch Samuel Beckett selbst äußert sich nicht dazu, ob der Name „Godot“ ein Verweis auf Gott ist und

so verstanden sein will.

Und so agieren Wladimir und Estragon ein ganzes Bühnenstück lang ununterbrochen in einem Vakuum

und einem Niemandsland … wartend in völliger Uneindeutigkeit und Rätselhaftigkeit.

 

Im Unterschied dazu aber hat biblischer, und damit jüdisch-christlicher Glaube, ja durchaus eine Adresse.

Nämlich – so der Anspruch der Bibel – den, dessen Name auszusprechen jüdischer Glaube sich scheut –

die Wirklichkeit & Offenbarung des „Ich bin“, der dem Mose begegegnete – Ha‘schem, der Name, Adonai,

der HERR – der Gott Abrahams, Isaaks & Jakobs – der Gott des Bundes, der Gebote & der Propheten …

 

Immer wieder ist von seinem „Angesicht“ die Rede – und gemeint ist damit: Die Erfahrung der liebevollen

Zuwendung Gottes, seine segnende Nähe und sein erlösendes Tun.

Gottes Angesicht zu suchen, ist die Sehnsucht und Aufgabe der Frommen.

Aber schon Mose bleibt es verwehrt, IHN – den Höchsten – direkt zu sehen.

Sehnsüchtig möchte der Psalmbeter und mit ihm ganz Israel das Angesicht Gottes schauen – im immer

wieder kehrenden Schrei nach Erlösung.

Aber Gott kann sein Angesicht auch verbergen.

Und auch umgekehrt: Der Mensch selbst, Adam – so heißt es – versteckt sich vor dem Angesicht Gottes

und will vor ihm fliehen.

 

Und so bleibt das jüdische Gebet und der jüdische Glaube ein Ringen mit und eine tiefe Sehnsucht nach

dem Angesicht Gottes – individuell und geschichtlich, für Israel und für die Welt …

Und die Ich-Form des „Dürstens nach Gott“ steht immer auch im „Wir“.

Unsere Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.

Wann werden wir dahin kommen, dass wir Gottes Angesicht schauen?“

 

Und wir Christen?

 

Unser Bekenntnis vor der Welt ist ja, ich sagte es schon, dass Ha‘Schem Adonai, der Gott Israels und der

Urgrund der Welt, in Jesus Christus ein Gesicht und eine Stimme bekommen hat.

Und dass Gott in ihm sein liebendes, die Welr erlösendes Gesicht gezeigt und offenbart hat – auf

letztgültige Weise …

 

Und doch komme ich in diesen Zeiten immer wieder und neu dahin, dass auch wir zusammen mit Israel

Wartende sind und bleiben!

Dass wir zusammen mit Israel weiterhin Ausschau halten!

Und dass wir zusammen mit Israel auf eine Erlösung, auf das Kommen Gottes, auf die Verwandlung der

Welt warten!

 

Vielleicht verläuft hier tatsächlich so etwas wie eine religiöse Wasserscheide – nämlich mit dem Leiden an

der Welt und dem Blick nach vorne auf das immer noch Unerfüllte.

 

Zuviel Religion, auch christliche Religion, ist in der Welt, mit der man es sich einrichtet im Status Quo des

Weltgetriebes.

Zuviel Religion ist gerne willkommen als Rückzug aus oder Abkehr von der Welt – sei es kollektiv mit

glückseligem Lobpreis oder individuell als Seelenpflege & dem Versuch im „Irrenhaus & Rattenrennen der

Welt“ für sich stabil & stark zu bleiben …

 

In der Tat – damit meine Worte nicht schief rüberkommen – schenkt uns der Glaube auch Frieden – und

jeder äußere Frieden beginnt individuell im Inneren.

Und vom schlichten Gebet bis zu tiefer Meditation und Kontemplation darf unsere Seele Trost und unser

kleines Ich ein Stück Seligkeit finden.

Und auch unsere Gottesdienste leben vom Evangelium nd vom Zuspruch.

 

Aber noch bleiben wir mit Israel und der Welt unterwegs.

In vielen Dingen unversöhnt mit dem Leben und dem Lauf der Welt.

Und finden uns wieder in unserem heutigen Predigtwort:

„„Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, dass ich

Gottes Angesicht schaue?“

 

Und so schließe ich die heutige Predigt einmal bewusst mit folgender provokanter Geschichte:

Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber nahm einmal an einem Seminar für Juden und Christen

teil.

Er sagte: Wir haben viel gemeinsam. Ihr Christen glaubt, dass der Messias schon einmal hier war,

wieder weggegangen ist und dass er wiederkommen wird. Wir Juden glauben, dass er kommen wird,

aber dass er noch nicht hier war. Mein Vorschlag: Lasst uns doch zusammen auf ihn warten. Und

wenn er kommt, können wir ihn ja selbst fragen, ob er schon einmal hier gewesen ist. Und ich werde

in der Nähe stehen und ihm ins Ohr flüstern:

‚Sag nichts' !!!‘“

 

 


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