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VON WEGEN FRIEDLICH

Sie müssten mal wieder, eigentlich regelmäßig, abgestaubt werden, dachte er zwischendurch, wann immer er das Fenster öffnete für eine Portion Frischluft, oder wann immer er die Staubkörner im Einfall eines Sonnenstrahls bemerkte, oder einen Niesanfall bekam.

Wieviele es wohl mittlerweile sind?

Über all die vielen Jahre, letztlich Jahrzehnte, gekauft, erstanden, geschenkt, neuwertig oder gebraucht, antiquarisch, als Schnäppchen, gezielt gesucht, oder zufällig und launig ergattert, sicher auch – hier und da, nun ja – geliehen und nicht zurückgegeben?

Hunderte, nein, wohl eindeutig ins Vierstellige gehend.

Du lieber Himmel!

Ja, all diese Bücher, manchmal war er selbst erschrocken darüber, was sich da alles gehäuft und angesammelt hatte.

Diese Welt der Bücher, die ihn täglich erwartete, wenn er ins Zimmer kam, dort arbeitete, bei Tageslicht, manchmal bis spät in die Nacht.

 

Bücher, was für ein Thema.

Sie – die zu seiner Welt gehörten - standen nun, über die Zeit hinweg, alle an ihrem Platz, zwischendurch mal umsortiert, aber in der Summe doch recht konstant, an ihrem Ort, den er ihnen zugewiesen hatte.

Einigermaßen geordnet in den Regalen, aneinandergereiht, für den Zugriff bereit. Geordnet eben nach Themen, Fachbereichen, Autoren-Sammlungen, Bezügen, praktischer Verwendung.

Einige davon – wie sollte es anders sein – vielbeachtet, sogar zerlesen, häufig benutzt und zur Hand genommen, mit deutlichen Gebrauchsspuren, sich schon lösenden Seiten, vielleicht mit einem Kaffee- oder Rotweinfleck hier und da.

Andere eher oder gänzlich unbeachtet, schnell zur Seite gelegt, letztlich ungelesen, in ihrem Schattendasein auch nicht zentral und zugriffig sortiert.

 

Nun sollte man wissen:

Die Bücher stehen nicht im Studierzimmer eine Mediziners, eines Juristen oder eines Naturwissenschaftlers.

Auch nicht im Zimmer eines Schriftstellers, Kunstsammlers oder Privatiers, welcher Coloeur auch immer ...

Sie stehen im Arbeitszimmer eines Pfarrhauses, eines Menschen, der sie in ihrer Vielfalt und in ihrem Gehalt braucht, der mit und von ihnen lebt, wann und wo immer er in seinem Berufsalltag unterwegs ist – als Theologe, Prediger, Seelsorger, Pädagoge, Gemeindemanager und Menschenbegleiter, unterwegs, immer wieder zwischen Himmel und Erde.

Auch mit sich selbst. Mit seinem Glauben, seinen Zweifeln, seinen Inspirationen.

 

Klar ersetzen Bücher niemals das, was man Lebenserfahrung nennt. Sie sind kein Lebensersatz, ersetzen nicht das, was aus einem selber kommen muss, was man selber ist und zu sagen hat.

Und doch sind sie ein Zufluss.

Ein belebender, inspirierender, hilfreicher.

Das Leben bleibt ein Lernen.

Und die Welt ist bunt.

Wer oder was sollte das nicht besser bezeugen, neben den Menschen selbst, als eben die Bücher, die sie schreiben?

Und hinter denen Welten stecken.

Lebenswelten, Erfahrungswelten, Gedankenwelten.

 

Doch das ist nun, pardon, eigentlich erst die Ouvertüre, das Vorwort, die Einleitung zum Folgenden.

Denn was ich erzählen will, begann an einem Morgen, das Datum ist egal.

 

Er kam ins Zimmer und bemerkte, wie ein paar seiner Bücher aus dem Regal gefallen waren.

Er hob sie auf und stellte sie zurück, ein bisschen irritiert in der Frage, was sie da wohl über Nacht zu Boden geworfen hat.

Hatte er selbst, ein Glas Rotwein zuviel zur Nacht hin, unachtsam und schon etwas neben der Spur, die Exemplare zu Boden gerissen, im Fehlgriff der Vernebelung sozusagen?

Vielleicht war es die Katze, dachte er.

Oder wer immer Euch da von Eurem angestammten Platz geschubst hat.

 

Doch die Irritationen, zunächst nicht weiter beunruhigend, häuften sich.

Mal war es ein aufgeschlagenes Buch, von dem er meinte, es am Abend doch zugeklappt und auch weggeräumt zu haben.

Mal waren es Bücher, die herausgerückt im Regal standen, als wollten sie sich wichtig machen und ins Blickfeld rücken, mit der deutlichen Aufforderung: „Nimm mich! Lies mich! Nimm mich wahr!“

Oder Bücher, die sich vermehrt wiederfanden an Stellen, wo sie definitiv nicht hingehörten.

 

Nicht mehr normal, an sich und seinem Verstand zweifelnd, fand er, dass Bücher plötzlich auf unerklärtliche Weise verschwanden, die gestern noch da waren.

In denen er sogar noch, da war er sicher, doch gestern erst gelesen hatte.

Er fand markierte, unterstrichene Stellen, die seine Aufmerksamkeit fanden, die er aber – auch da war er sicher – nicht selbst angestrichen, geschweige denn überhaupt gelesen hatte.

 

Der Gipfel aber war, dass ganze Buchreihen sich plötzlich umsortierten, sich dahin schoben, wo er am häufigsten hingriff, und dann jeweils nicht das fand, was er suchte.

Die ganze Sache wurde immer absurder.

Und er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte.

Ja, wem sollte er seine Wahrnehmungen schildern?

Mit wem darüber reden?

War er verrückt geworden?

War es ein krankes Spiel in seinem Kopf?

 

Der Gipfel war schließlich, dass er den Eindruck hatte, dass die Bücher ihn auslachten, ihn verspotteten.

Zunächst ganz leise, nicht alle, nur aus der ein oder anderen Ecke hier und da.

Dann aber immer lauter, in zunehmendem Chorus.

Und in einer merkwürdigen Dialektik von Stolz, Eigensinn und Selbstbehauptung einerseits – und streitlustiger Einvernehmlichkeit zugleich.

Ja, es herrschte eine merkwürdige Einigkeit unter ihnen, die doch so unterschiedlich, so uneins, so unvereinbar und verschieden waren.

 

Was hast Du erwartet? flüsterten, spotteten, riefen, redeten sie ihm zu.

Ein am Ende zu harmonisierendes Miteinander, das sich schon irgendwie fügt, von Dir eingeteilt, von Dir ein- und zugeordnet?

Eine friedliche Koexistenz?

Dass jeder sich zufrieden gibt mit seiner Platz-Zuweisung?

Lächerlich!

Jede Bibliothek, jede Büchersammlung, in einem Hause wie diesem, kann nur eine gegenseitige Kriegserklärung, ein umkämpftes Gebiet, eine Rangelei erster Ordnung sein!

 

Und wenn Du - Mann Gottes, Du! - uns Bücher ernst nimmst, tatsächlich ernst nimmst, nicht nur als Deinem Zugriff, Deinem Verständnis, Deinen Zuordnung sich unterzuordnende Gegenstände aus bedrucktem, gebundenen Papier – egal in welcher Form und an welchem Platz! – dann geh ruhig ins Bett jetzt.

Schlaf gut nach Deinem Tagwerk.

Deinem Bemühen.

Deinem Verstehen und Nichtverstehen.

 

Aber geh davon aus, dass über Nacht, während Du schläfst, hier keineswegs Ruhe ist.

Hier geht die Post ab, hier wird gerungen, gestritten, gekämpft, gemobbt, hier fliegen die Fetzen.

Ja, hier herrscht in manchen Nächten, in denen es scheinbar still ist zwischen den Regalen, richtig Krieg zwischen uns Büchern.

In Deinem Haus, in Deinem Zimmer, ohne dass Du es ruhestörend und schlafraubend bemerkst.

Vielleicht ist Dein Problem, dass Du nicht zu der Sorte gehörst, die als Vertreter ihrer Zunft, einfach und eindeutig ihr Ding durchziehn – dass Du zu offen, zu dialogisch, zu breit gestreut unterwegs bist.

Dass Du Dich nicht umgeben willst mit einer Armee von Literatur, die sich in der Marschrichtung einig ist.

Nein, hier bei Dir, in diesem Raum herrscht das nackte Aufeinanderprallen der verschiedensten Welten:

Katholisch neben Evangelisch, Parzany neben Sölle, Tillich neben Barth, Buddha neben dem Koran, Nietzsche neben C.S. Lewis, Baghwan neben Bonhoeffer …

Mein Gott, ja, mein Gott … oder auch nicht …

Was soll'n wir, Deine Bücher dazu sagen???

Wie soll'n wir uns allen Ernstes vertragen?

 

Aber ok, wir wollen uns bessern.

Und sieh Du zu, wie Du mit uns umgehst.

Tagsüber, wenn Du kommst, sind wir ja ganz still und friedlich.

Rühren uns nicht vom Fleck und lassen uns alles gefallen – ob Du uns nimmst oder zurückstellst, ignorierst oder uns kräftig in die Seiten greifst.

Wie auch immer.

Behandle uns pfleglich.

Lüfte ruhig immer wieder unser gemeinsames Zimmer, auch zu Deinen Gunsten.

Lass Luft und Sonnenlicht herein in Deine, nein, in unsere gute Stube.

Nimm uns behutsam zur Hand.

Lies uns kritisch und wohlwollend zugleich.

Und staube uns ruhig mal wieder ab, alle.

Da sind wir uns nun doch mal so richtig einig.


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