Willkommen

VON AUSSEN BETRACHTET

Während er weiterlas, krabbelte ein Etwas.

Er fasste – eher beiläufig und gedanklich ganz in seine Geschichte vertieft– nach seinem rechten Fuß, wo irgendetwas juckte. Gerade so, dass er es noch als kleine Ablenkung und Irritation wahrnahm.

Er sass auf der Terrasse in der Vormittagssonne, barfüssig, blätterte die gerade zu Ende gelesene Seite um, und schaute dann doch kurz an sich herunter.

Mit der Bewegung seiner Hand hatte er das kleine, krabbelnde Wesen auf die Gartenfliesen befördert, wo es weiterkrabbelte, kurz innehaltend, zögernd zwar, dann aber sofort weiter in Bewegung, scheinbar zielstrebig auf den Rand des angrenzenden Rasens zu.

Der Himmel war heute weit und blau, die Sonne noch angenehm, bevor sie zu Mittag brennender werden sollte. Und man besser den Schatten sucht.

Nicht viel grösser als die Buchstaben, die er mit seinem Buch vor Augen hatte, war das, was ihm über den Fuss gekrabbelt war, eine Ameise, die nun dort unten auf dem Boden doch nocheinmal die Richtung änderte, es sich scheinbar anders überlegt hatte, und zurückdrehte, zurück in seine Richtung, zurück zu seinen Füßen.

 

Die Geschichte, die er gerade las, zog ihn gedanklich und phantasiemäßig hinein in die belebten Strassen des Big Apple, in das Gewusel, den Betrieb, den alltäglichen New Yorker Verkehr.

Er sah, hörte, spürte förmlich den Sog dieser Stadt, stand in seiner Phantasie plötzlich mittendrin in Midtown Manhattan, an einer Kreuzung, im Strom der Passanten, inmitten der an ihm vorbeiziehenden Stimmen, des kurz zu hörenden Lachens, des Hundegebells, des Handyklingelns, der immer irgendwo präsenten und von irgendwo herkommenden Polizei- oder Feuerwehrsirenen, umrahmt von den Fassaden der dicht an dicht stehenden Hoch- und Geschäftshäuser, Fabrikgebäude, der großen Werbetafeln und Schaufenster, inmitten all hochragenden Architektur, die kaum Raum und einen Blick liess für den Himmel da oben.

Aber wer schaut in New York schon nach oben?

Nur die Touristen, staunend, mit suchenden Augen, erfassendem Blick.

Ansonsten schaut man geradeaus, auf den Boden, seinen Weg suchend, im Gewusel – im Oberhalb der Sadt, die nie schläft, und beim Untertauchen in die Welt der unterirdischen Treppen, Gänge und Bahnsteige der Subways.

Stay clear of the Closing Doors, please!“

 

Die Ameise kehrte zurück.

Wieder griff er nach seinem Fuß und fegte sie weg.

Diesmal krabbelte sie nicht sofort weiter, sondern verharrte regungslos an der Stelle, auf der sie sich, aufs Neue geworfen, vorfand. Er schaute auf den Boden, mit seinen Gedanken immer noch ganz im Getriebe und Gewimmel New Yorks, und wartete, ob sich vor seinen Augen noch etwas regte, nocheinmal in Bewegung kam.

Und, ja, es krabbelte weiter.

Es, das Getier. Die Ameise. Das Lebewesen zu seinen Füßen.

Plötzlich fiel er – nur für ein paar Augenblicke - heraus aus dem Getriebe des Big Apple in seinem Kopf.

Und dieser Kopf dachte für sich: Was weiss sie, ja, was weiss sie schon von ihrem Dasein, ihrem Dasein jetzt und hier, und überhaupt.

Natürlich: Nichts.

Trotzdem, was weiss sie von dieser Terrasse, diesem Garten, diesem Grundstück, in dieser Strasse, dieser Stadt.

Was weiss sie von diesem Planeten, dessen Fläche sich rundum erstreckt über Länder und Meere von endloser Weite.

Und was weiss sie davon, dass diese Kugel, auf der sie, einmal umrundet, wieder ankäme am Ausgangspunkt, nur ein Staubkorn ist in den Weiten, der Unendlichkeit eines Raumes, den wir Universum nennen.

Er hielt das Buch weiter in der Hand, kehrte zum Lesen zurück, musste nochmal kurz zurückblättern, wieder die Anschlusstelle suchen, und war wieder drin, mittendrin, in der Stadt, in der – gut 6000 km entfernt und um sechs Stunden zeitversetzt – alles möglicherweise genauso passierte.

Midtown Manhattan, 52. Street West.

Oder 83. Eastside.

Oder am Broadway, Battery Park, Time Square, Ground Zero, Greenwich Village, der Columbia.

Egal.

 

Und genau in diesem Augenblick schauten sie sich an.

Augen, die den unseren nur entfernt ähneln.

Und die kommunizierten aus Mündern, die auch mit den unseren schwer zu vergleichen sind.

Ja, Zeit, Raum, was ist das schon.

Was gibt es da zu verstehen.

Von außen betrachtet.

Lichtjahre entfernt.

Von außen geschaut auf das Experiment Planet „Erde“, das Experiment „Menschen“, das Experiment „Zivilisation“.

Sie notierten sich, was sie sahen.

Über eine Distanz, in einer Dimension, die für das Wesen „Homo Sapiens“, die, die sich „Menschen“ nennen nicht zu begreifen ist, niemals zu begreifen sein wird, solange es sie gibt.

Auf diesem Staubkorn einer fernen Galaxie.

 

Die Ameise war längst irgendwo im Garten verschwunden und für sich unterwegs.

Er schlug das Buch zu, gähnte kurz und reckte sich, bevor er ins Haus ging.

Und der Zeiger der Uhr auf die Zwölf ging.

Mittag vor Ort, noch früher Morgen dagegen in einer erwachenden Stadt namens Big Apple.

Irgendwo auf einem Staubkorn im Universum.

Von außen betrachtet.

 


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