"Isses denn wahr?"
OSTERPREDIGT 2026

„Isses denn wahr?“ - Osterpredigt 2026
Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,
liebe Freunde, Familie - und wer immer jetzt gerade – am Osterfest 2026 – die folgenden Gedanken mit mir teilt, sie liest oder sie hört …
Vor zwei Jahren habe ich das letzte Mal in der Unterbarmer Hauptkirche mit der Gemeinde das Osterfest gefeiert
und gepredigt.
Anderthalb Jahre bin ich nun nachberuflich im Ruhestand.
Diese nachberufliche Lebensphase ist grundsätzlich ein Entlass und eine Befreiung vom Verkündigungsauftrag –
und man ist nicht mehr eingebunden, verpflichtet und persönlich in die Spur gesetzt, um den christlichen Glauben
als Überzeugung und Lebensangebot zu vertreten und zu verfolgen.
„Ist der christliche Glaube, das ganze Narrativ, das sich auf die Bibel beruft, und das christliche
Glaubensbekenntnis, das Sonntag für Sonntag so selbstverständlich gesprochen wird, denn nun tatsächlich wahr?
Oder ist es vielleicht nicht doch nur eine Illusion, ein Konstrukt, ein Glaube, der keine wirkliche Substanz hat?“
Nachberuflich kann ich dieser Frage nicht ausweichen.
Und ich erlebe sie tatsächlich noch einmal als eine sehr ernste, persönliche Frage.
Die einmal getroffene Berufsentscheidung, Pfarrer werden zu wollen, es dann wirklich zu werden, vom Vikariat bis
zum Dienstende fast 40 Jahre sozusagen ein „Berufschrist“ zu sein – das ist das eine.
Sich aber im Nachhinein nochmal zu fragen, ob es einen auch nachberuflich, für den Rest des Lebens, ganz
persönlich und bis zum Schluss – wie der Katechismus sagt „im Leben und im Sterben“ - tröstet, trägt und erfüllt -
das ist das andere.
Und nun wieder das christliche Osterfest.
Mitten im derzeitigen Weltgetriebe und all dem, was die Nachrichten uns täglich, stündlich, bescheren.
„Frohe Ostern!“ oder „Gesegnete Ostern!“ oder „Schöne Ostertage!“ wünschen wir uns.
Und wieder heißt der Osterruf und Osterjubel: „Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!“
Wie oft habe ich darüber gepredigt, Andachten gehalten, es mit Kindern und Jugendlichen bedacht, in
Gottesdiensten gefeiert und in Osternächten, es mir und Anderen sagen lassen – diese Botschaft von
Auferstehung, Hoffnung und Liebe, die im Neuen Testament grundiert wird mit der Erzählung vom leeren Grab und
den Erscheinungen des Auferstandenen für seine Jünger, die nun hingehen und Ihn als den Lebendigen
verkünden – ein Feuer entfachend und ein Echo bewirkend bis heute in der weltweiten Christenheit …
Nein, ich muss es nicht mehr verkündigen.
Den Talar ziehe ich nicht mehr regelmäßig an.
Schon zum zweiten Mal habe ich am Osterfest „dienstfrei“.
Aber die Frage bleibt: „Ist das denn nun wahr – oder dummes Zeug?“
Wie geht es mir damit – nun so berufsbefreit?
…..
So zu fragen, berührt ein grundsätzliches, großes Problem in unserer Zeit, das mit dem englischen Begriff „Fake“ -
übersetzt: „Fälschung“ - bezeichnet wird – nämlich die Frage: Was ist noch „echt“? Und womit werden wir
getäuscht?
Was immer uns begegnet: Wir können nicht mehr sicher sein, ob es sich um Wahrheit oder Fälschung handelt.
KI – Künstliche Intelligenz – macht alles möglich: Bilder, Fotos, Filme kommen in Umlauf, sehen täuschend echt
aus – und sind doch erfunden, Lüge und Manipulation.
Modernste Technik ermöglicht mittlerweile Jedem, der sie auch privat am PC und im Internet zur Verfügung hat,
Dinge zu manipulieren und in Umlauf zu bringen.
Stimmen klingen echt, Personen erscheinen ganz real – und doch sind sie es nicht.
Und das bedeutet: Wir sind erschüttert in unseren Wirklichkeitsbezügen.
Können uns letztendlich auf nichts mehr, was uns vor Augen und in die Ohren kommt, 100% verlassen.
Sind genötigt, mit einem Grundmisstrauen durch die Welt zu gehen.
Oder – das ist die andere Seite: Wir fallen drauf rein.
Merken es nicht.
Halten Dinge für tatsächlich wahr, die tatsächlich nicht wahr sind.
Verschwörungstheorien der dümmsten Art finden scharenweise ihre „Follower“, sprich Anhänger und Verfechter
Und die Frage lautet:
Ist das vielleicht mit der ganzen christlichen Ostergeschichte auch so?
Ostern – ein „Fake“?
Eine erfundene Geschichte?
Eine große Täuschung, ein Betrug, ein Märchen?
….
Es gibt ja viele Möglichkeiten, die Ostererzählungen zu verstehen und zu interpretieren – als reales Geschehen,
das man bibeltreu und fromm nicht hinterfragt.
Oder mehr bildlich und symbolisch.
Zum Beispiel so, dass man es interpretiert als inneres Auferstehungs-Geschehen allein in den Köpfen, Herzen &
Seelen der Jünger.
Oder als Ausdruck dafür, dass „Die Sache Jesu“ auch nach seinem Tod weitergeht, ohne dass man das
Geschilderte „für bare Münze“ nimmt.
Und als Versuche, das Unbegreifliche irgendwie in anschauliche Erzählungen zu packen, die eine Botschaft haben,
aber keine wörtlich zu nehmenden Tatsachenberichte sind und sein wollen.
Doch was wäre, wenn die Auferweckung Jesu ein tatsächliches, reales Geschehen inmitten unserer raum-
zeitlichen und geschichtlichen Wirklichkeit
gewesen ist? Und wenn das Grab tatsächlich leer, Jesu Leichnam tatsächlich verwandelt (und nicht gestohlen oder
versteckt) und seine Auferstehungserscheinungen tatsächlich so geschehen wären, wie es die Evangelien
berichten – dass er mit seiner Auferstehungspräsenz (wie auch immer) für seine Jünger und Jüngerinnen sichtbar
durch Wände ging , plötzlich mit ihnen im Raum war, dass er zu ihnen redete und dass sogar Thomas, der
Zweifler, seine Hände in Jesu Wunden legen konnte?
Wie gesagt: Man kann das Alles irgendwie in einem übertragenen Sinne verstehen.
Aber was, wenn es sich bei den Ostererzählungen tatsächlich um ein reales Geschehen handelt – um eine
Wirklichkeitserfahrung?
Doch was heißt „wirklich“?
Siri Hustvedt hat gerade ein Buch mit dem Titel „Ghost Stories“ veröffentlicht, über die Trauer und das
Abschiednehmen von ihrem Mann Paul Auster, der mit 77 an Krebs verstorben ist. Beide sind weltweit bekannte
Schriftsteller und Autoren, waren ein innig verbundenes Paar, 43 Jahre verheiratet – und in den Wochen nach dem
Tod ihres Mannes schildert sie eine für sie sehr reale Erfahrung, nämlich die, dass ihr Mann plötzlich im Haus, in
ihrem Schlafzimmer, präsent und anwesend ist, spürbar und unleugbar gegenwärtig. „Das gibt es oft und immer
wieder bei Menschen,“ schreibt sie. Aber es ist für sie trotzdem nicht wirklich real – sondern als Erleben rein
subjektiv, psychologisch, neurologisch zu erklären.
Und deshalb bleibt die Frage: War das bei Jesus und seinen Jüngern nicht auch so – nach all der inniglich erlebten
Verbundenheit und dem Schock seines Todes? Alles subjektiv real, aber nur das?
...
In der vorösterlichen Zeit las ich noch ein anderes Buch, „Kaum zu fassen“ von Peter Aschoff. Darin macht er ein
kleines Gedankenexperiment, das ich hier übernehme:
Angenommen ich male auf das Blatt, auf dem die bisherigen Sätze dieser Predigt schon geschrieben sind, eine
Figur, ein Männchen. Ich gebe ihm meinen Namen und stelle mir, über das Blatt gebeugt, vor: Es wäre lebendig.
Auf meinem Blatt würde also diese Figur leben – als zweidimensionales Wesen, d.h. In Länge und Breite auf dem
Papier wäre es das, was es ist, und könnte nur in diesen zwei Dimensionen wahrnehmen. Als dreidimensionales
Wesen aber schaue ich auf das Blatt, weil mit mir die Höhe und das Räumliche ins Spiel kommt – also eine
zusätzliche Dimension, zugefügt zur Länge und Breite des Papiers, auf dem mein kleiner, zweidimensionaler so
begrenzter Thomas existiert. Schließlich aber gibt es für uns ja noch eine vierte Dimension, nämlich die der Zeit.
Raum und Zeit also sind die vier Dimensionen in denen wir existieren und die wir begreifen können.
Physiker sprechen nun aber mit Gedankenmodellen davon, dass es möglicherweise noch viel mehr Dimensionen
gibt, zehn vielleicht oder noch mehr, die uns verborgen sind, die aber unser begrenztes Wirklichkeitsverständnis
erweitern, umfassen und ggf. durchdringen.
Ich finde diese Sichtweise faszinierend, zumindest als gedachte Möglichkeit im neuzeitlich-wissenschaftlichen
Welterkennen.
Denn es würde bedeuten, dass wir es einerseits in vielen Dingen zwar weit bringen und weit gebracht haben
mit unserer aufgeklärten Weltdurchdringung in Naturwissenschaft, Forschung, Technik und Philosophie – aber
dass wir andererseits auch auf paradoxe Weise Wirklichkeit verkürzen, reduzieren und verfehlen, wenn wir jede Art
von Transzendenz ausschließen.
Es könnte und würde unser Verstehen dahingehend erweitern, dass wir es auch im christlich bezeugten
Ostergeschehen mit etwas zu tun haben, dass unserem Dasein und unserer letztlich beschränkten Wirklichkeit ein,
zwei oder mehr Dimensionen hinzufügt.
Und es gäbe uns die ermutigende Perspektive, dass mit dem Ostergeschehen rings um uns her längst eine
andere, erneuerte Welt existiert und heranwächst, für die unsere Augen wohl noch nicht vollständig geöffnet sind.
Ja, es würde uns bleibend dazu einladen, dass wir im Licht des Ostergeschehens getrost und gewiss festhalten
dürfen an einer göttlichen Heils- und Heilungsgeschichte für diese Welt, auch im Kalenderjahr 2026.
Und beharrlich weitermachen im Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden, Menschenrechte, interreligiösen Dialog & die
Rettung der Schöpfung – auch wenn Andere diese Ziele und diese Welt längst abgeschrieben haben und sie mit
Füßen treten.
Oder uns für Spinner halten.
Ja, groß ist die Versuchung, dass auch wir Christen innerlich resignieren und uns vom Weltenlauf verabschieden.
Aber Ostern – so die Ansage – ist und bleibt der göttliche „Türöffner zum Leben, zur Hoffnung und zur Liebe“ “ in
unserer scheinbar immer wieder so verlorenen Todeswelt.
Und Paul Tillich drückt es aus mit den Worten: „Eine neue Wirklichkeit, ein Neues Sein ist mit Christus in dieser
Welt erschienen. Das ist die Botschaft, Nehmt sie an und lasst Euch von ihr ergreifen.“
Und, wo es nötig ist: Neu – immer wieder neu - ergreifen!
….
Wie immer wir die Botschaft dieses Festes nun verstehen:
Fakt ist jedenfalls, dass sich heute und über die Zeit kein Mensch mehr an diesen Sonderling und Wanderprediger,
einen gekreuzigten Jesus von Nazareth, vor 2000 Jahren irgendwo am Rande des Römischen Reiches ein paar
Jahre umherziehend, erinnern würde – wenn es nicht ein irgendwie ungeheures Ostergeschehen gegeben hätte.
Und Fakt ist wohl auch, dass nicht irgendein vorübergehender Spuk, eine gutgläubige Selbsttäuschung seiner
Anhänger, eine gewiefte Taktik voller erfundener Geschichten oder irgendwelche fortgesetzten Massen-
Halluzinationen erklären können, was das Osterwunder faktisch in Gang gesetzt und bewirkt hat.
Auch herbeigezogene Parallelen von auferstandenen Göttern oder zyklischen Wiederkehrmotiven greifen nicht und
sowohl für Juden wie für Römer war die leibliche, einmalige Auferstehung und Auferweckung Jesu eine fremde
Vorstellung, für deren Behauptung man damals schwerlich Frauen als erste Zeugen angeführt hätte, weil deren
Zeugenaussagen damals vor Gericht null und nichtig waren …
Ich schließe diese Gedanken und kehre nochmal zum Anfang meiner Osterpredigt 2026 zurück – nämlich zu
meinem nachberuflichen Fragen, ob der christliche Glaube denn nun wirklich auch für mich tragfähig und
glaubenswert bleibt, als Trost im Leben und, wenn es soweit ist, auch im Sterben.
Im Älterwerden und Ältergewordensein jedenfalls stellt sich auch mir die Frage nach den tragenden
Lebensfundamenten noch einmal zunehmend und dringlich.
Worauf will ich mich gründen?
Was ist Größer als all das, was uns an diesem Osterfest soviel Angst und Sorge macht?
Wo ist Halt und Trost und Licht in unserer immer mehr erschütterten, sich verdunkelnden Welt?
…
An diesem Osterfest – wie immer wir es nun verstehen und deuten – entscheide ich mich jedenfalls noch einmal
ganz grundsätzlich dafür, der Osterbotschaft MEIN GRUNDVERTRAUEN zu schenken.
Persönlich in meinem Hoffnungs- und Trost-Bedürfnis
Aber auch im Blick auf das, was wir Christen weiterhin und religions- und kulturübergreifend sein dürfen und sein
sollen: Nämlich Verweigerer und Widerständler gegen all die vielen „Fakes“, und Lügen, die die Welt regieren.
Im beharrlichen „Dennoch & Trotzdem“.
Denn es kann nur ein österliches NEIN geben, gegen die Machenschaften der vermeintlichen „Herren“, Despoten
und Autokraten dieser Welt.
Ein NEIN gegen die Kriegstreiber, die uns verkaufen wollen, das ihr Agieren notwendig und alternativlos ist.
Ein NEIN gegenüber allen Kräften, die Hass schüren gegen alles Fremde.
Ein NEIN gegen Judenhass & Antisemitismus ebenso wie gegen eine Verkennung der friedlichen, barmherzigen
und lebensdienlichen Seite islamischer Spiritualität.
Viele NEINS wären noch zu nennen.
Wichtig ist, dass uns auch das diesjährige Osterfest dazu bringt, Glaube, Hoffnung & Liebe nicht zu verlieren –
auch wenn es uns gerade vielleicht schwerer fällt als zu anderen Zeiten.
AMEN