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IMMER GERADEAUS

Es gibt ganz sicher Dinge in unserer modernen Welt, deren Nutzen man durchaus in Frage stellen kann. Ständig wird irgend etwas erfunden, kommt irgend etwas auf den Markt, wird uns irgend etwas als nützlich und verlockend angepriesen, was die Menschheit nicht wirklich braucht, oder, wenn ich es etwas bescheidener ausdrücken darf, was ich definitiv nicht brauche.

Zweifelsfrei gibt es aber eine Errungenschaft, für die ich den Herrn im Himmel bis heute immer wieder lobe und preise.

Denn vorbei sind die Zeiten, wo man am Steuer saß, im übelsten Fall noch alleine, ohne Mit- und Beifahrer, und sich im Multi-Tasking übte, was ja bekanntlich gerade wir Männer nicht gut beherrschen – im Unterschied zu Frauen, die gleichzeitig Kartoffel schälen, das Baby beruhigen, dabei noch telefonieren und zugleich per Zeichensprache dem Postboten durchs Fenster signalisieren, er möge die Briefumschläge mit den Rechnungen entweder gleich wieder mitnehmen oder umadressiert lieber bei den Nachbarn einwerfen … Jedenfalls sind die Zeiten vorbei, wo man zugleich genötigt war, das Auto zu steuern, auf den Verkehr zu achten, und neben sich auf dem Beifahrersitz oder auf dem Schoss dieses Monster von Faltplan an der richtigen Stelle zu öffnen, zu entziffern, den richtigen Weg zu finden, das Ziel zu identifizieren, um dann – ständig fluchend – wieder mal in die falsche Strasse eingebogen zu sein, wieder mal genau in der verkehrten Richtung unterwegs zu sein, wenden zu müssen ohne den Hintermann oder die Hinterfrau zur Vollbremsung zu veranlassen …

 

Meins jedenfalls hiess „Gabi“ - nun ja, „der, die, das“ kommen da gerade etwas durcheinander. Denn das Navigationssystem – Neutrum - im Auto, in meinem neugekauften Auto, war eine „die“ - Femininum - zumindest der Stimme nach eindeutig. Aber eben nicht nur der Stimme nach, wie sich bald rausstellte. Aber das kommt gleich.

Gabi hatte eine durchaus angenehme Tonlage, sie klang weder wie eine künstliche Neuauflage von Ingrid Steeger oder Helga Feddersen, wie sich Einige von uns noch erinnern, die sich schon damals die Ohren zuhielten, wenn diese dämlichen Auftritte in Klimbim und Plattenküche im Fernsehen liefen, sie klang auch nicht wie Inge Meysel auf ihre alten Tage, oder die Staatsanwältin im Münsteraner Tatort, die ständig dabei ist, sich das Rauchen abzugewöhnen. Nein, Gabi – ich sag mal meine Gabi – hatte eine angenehme Stimme, eine sympathische Art, mit einem zu reden, nicht zu herb, nicht zu aufdringlich, und sie redete auch nicht ununterbrochen, wie der eine oder die andere, die man bei Autofahrten zu ertragen hat …

Gabi redete nur, wenn es nötig war, wenn sie merkte: Jetzt werde ich gebaucht, jetzt kann ich dienlich sein. Und sie redete ohne Umschweife, was sehr hilfreich war, mit klaren Ansagen: „An der nächsten Kreuzung fahren Sie links!“ oder „Fahren sie nach dem Kreisverkehr geradeaus und ordnen Sie sich danach rechts ein!“ oder „Nach zwei Kilometern nehmen Sie bitte die zweite Ausfahrt!“

Manchmal sagte sie auch nur knapp „Achtung, Stau!“ oder – wenn ich ihr nicht richtig zugehört hatte, mich nicht an ihre Anweisungen gehalten hatte - „Mit der nächsten Möglichkeit bitte wenden!“ Das klang dann schon etwas knapp und angesäuert, kopfschüttelnd über meine Unachtsamkeit, genervt von meiner mangelnden Kooperation. Aber ansonsten kamen wir gut miteinander aus und wurden ein gutes Team.

Am Anfang, zugegeben, musste ich mich ein bisschen an sie gewöhnen, eine erste Fremdheit überwinden, fragte mich, ob ich ihr tatsächlich rundum vertrauen kann, ob ich ihr wirklich all meine Ziele anvertrauen kann - aber diese Phase des Fremdelns ging ganz schnell vorbei.

Ja, es begann so etwas wie ein angenehmes, vertrautes, persönliches Verhältnis – und wir gingen, wenn man es so ausdrücken will, vom „Sie“ zum „Du“ über.

Ich stieg etwa ins Auto und sagte: „So, Gabi, dann woll'n wir mal!“ und freute mich auf eine Fahrt mit ihr.

Wenn ich mal fluchte und schimpfte, über den dämlichen Autofahrer hinter mir, der viel zu dicht auffuhr, den unachtsamen Radfahrer an der Ampel, oder die Schlange der LKWs auf der rechten Spur vor mir, ohne dass ich die Möglichkeit hatte, zu überholen, dann sagte ich schonmal „Du warst nicht gemeint, Gabi!“

Und wenn sie mich mal schnell und sicher an ein Ziel gebracht hatte, dass ich von mir aus nie und nimmer gefunden hätte, dann sagte ich auch schon mal, sehr beglückt: „Danke, mein Schatz, wenn ich Dich nicht hätte!“

Die Entfremdung begann an dem Tag, als ich das erste Date mit Natascha hatte, und Gabi bat, mich an den Ort zu fahren, wo wir uns treffen wollten. Gabi war, anders als sonst, eher schmallippig auf dieser Fahrt, irgendwie zurückhaltender und ein bisschen distanzierter, besonders nachdem ich noch kurz über Handy und Sprechanlage mit Natascha gesprochen hatte, und ihr kurz vor der Ankunft sagte: „Ich freu mich auf Dich, bis gleich!“

Nach dem Date , der Abend war sehr schön und romantisch verlaufen, fuhr ich Natascha nach Hause und sagte beschwingt, als sie mir ihre Adresse nannte: „Kein Problem, ich habe ja meine Gabi!“

Ich merkte augenblicklich, als Natascha neben mir sass und wir losfuhren, dass Gabi bei ihren Ansagen zwar höflich blieb und die Form wahrte, aber glücklich und unbeschwert schien sie mir nicht.

Als wir schließlich vor Nataschas Haustür zum Stehen kam, küssten wir uns das erste Mal, zögerten einen Augenblick, und als sie mich fragte: „Ich würde Dich ja mit rein bitten, aber sei mir nicht bös, es ist schon spät, ich muss morgen früh raus. Aber wir sehn uns übermorgen, ja? Ich ruf Dich an!“ - Ich muss gestehen, dass ich einen Augenblick enttäuscht war. Aber als ich kurz darauf wieder alleine auf dem Rückweg nach Hause war, meinte ich Gabis Stimme zu hören, die sagte: „Ist auch besser so!“ und „Du kennst ja den Weg!“

Das mit Natascha und mir war dann leider nichts von Dauer.

Und schon nach zwei Wochen war uns klar, dass es wohl doch nicht reichte für eine nähere und dauerhaftere Beziehung.

Als ich nach unserem letzten, nicht mehr so romantischen Zusammensein, wieder ins Auto stieg, den Motor startete, den Blinker setzte und losfuhr, war Gabi scheinbar bester Laune.

Na, wo soll's denn hingehen? Der Tag ist noch jung. Sollen wir einen kleinen Ausflug ins Grüne machen?“

Ich traute meinen Ohren nicht, hatte fast den Eindruck, dass ein fröhlicher Sing-Sang in ihrer Stimme lag.

Aber wahrscheinlich hatte ich mir das alles nur eingebildet und es war garnicht Gabi, sondern die Stimme der Moderatorin im Radio auf dem Gute-Laune-Sender. Ich schaltete ab.

Auf Natascha folgte Birgit und auf Birgit folgte Simone, und schließlich Julie.

Anders als mit meiner Gabi, mit der ich nun schon fast ein Jahr zusammen war, wollte es mit meinen anderen Beziehungen nicht so recht klappen.

Aber auch die Beziehung zu Gabi wurde zunehmend schwierig und ging schließlich während dieser Romanzen in die Brüche.

Gabi wurde nämlich mit der Zeit immer zickiger.

Sie reagierte nicht mehr verlässlich auf meine Ansagen.

Führte mich falsche Wege.

Verweigerte Auskünfte und verstummte.

Und der Gipfel war, dass sie mich hier und da gezielt in die Irre führte, Routen falsch berechnete, mich ohne Vorwarnung in einen Stau hineinfahren liess.

Und es war wirklich keine Einbildung, als ich sie danach leise kichern oder gehässig lachen hörte.

Nein, das war nicht das Radio, das war Gabi.

Immer weniger konnte ich ihr, an einem Ziel angekommen, fröhlich sagen: „Danke, mein Schatz!“

Immer heftiger wurden ihre bösen Attacken, besonders nachdem ich mit Birgit, Simone, Julie im Auto Zärtlichkeiten ausgetauscht hatte, Liebeserklärungen hin und her wanderten, Küsse immer intensiver und inniger wurden.

Ja, besonders extem wurde es an dem Abend, als ich mit Julie an den Waldrand fuhr, den Motor ausstellte und wir es uns auf der Rückbank des Autos körpernah gut gehen liessen …

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, in dem zwischen Gabi und mir endgültig alles zerbrach.

Ich hatte Julie nach Hause gebracht, spät an diesem Abend,zum Abschied hatten wir uns nochmal inniglich geküsst und umarmt, und dann fuhr ich in der Dunkelheit nach Hause.

Die Landstrasse war kurvenreich.

Und ich hörte Gabi plötzlich sagen: „Gib Gas! Gib Gas, Du Blödmann!“ und als die nächste Kurve kam, schrie sie: „Und jetzt Augen zu, und immer gerade aus!“

 

In der kommenden Woche hatte ich genug.

Ich fuhr zu meinem Autohändler und sagte: „Bitte tauschen Sie mein Navi aus! Ich brauch ein Neues!“

Ist es kaputt?“, fragte der Händler, „wir könnten es reparieren, ich könnte es mir mal angucken!“

Nein“, sagte ich, vielleicht einen Ton zu laut, „ich will ein Neues!“

Ok,“ sagte der Händler, „natürlich! … Haben Sie denn schon eine Vorstellung, was für ein Modell das sein könnte, und was es kosten soll?“

Ich überlegte nicht lange und sagte: „Das ist mir egal. Hauptsache, das Gerät hat eine männliche Stimme!“

 


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